Frankfurt a.M.

Suppenkasper & Zappelphilipp: Das neue Struwwelpeter Museum in der Altstadt

Lange Haare, lange Nägel und kein Benehmen. Der berühmteste Querkopf Frankfurts wohnt jetzt wieder dort, wo alles begann, und bringt ordentlich Farbe in das nachgebaute Fachwerk. Ein Blick hinter die Fassade lohnt sich für Große und Kleine gleichermaßen, denn hier geht es um weit mehr als nur verbrannte Finger.

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Zwischenablage

Am Hühnermarkt, wo die Schieferplatten auf den Dächern in der Sonne glänzen und das Fachwerk fast zu perfekt aussieht, hat der Struwwelpeter sein neues Zuhause gefunden. Es ist kein verstaubtes Archiv für alte Kinderbücher. Das Museum residiert in zwei rekonstruierten Häusern, dem "Haus zum Esslinger" und dem "Alten Esslinger". Wer davor steht, muss den Kopf schon weit in den Nacken legen, um die Giebelspitzen zu sehen. Es wirkt fast ironisch, dass ausgerechnet die Geschichten von unartigen Kindern und bitterbösen Konsequenzen in einer so schmucken, fast schon braven Umgebung präsentiert werden.

Früher war das Museum im bürgerlichen Westend angesiedelt, in einer schönen, aber etwas abseits gelegenen Villa. Jetzt ist der Struwwelpeter mittendrin. Das passt. Denn Heinrich Hoffmann, der Schöpfer dieser ikonischen Figur, war ein Frankfurter durch und durch. Man könnte sagen, er ist zurück in seinen Kiez gekehrt. Wenn du die schwere Eingangstür aufdrückst, lässt du den Trubel der Touristenströme hinter dir. Drinnen riecht es manchmal noch leicht nach neuem Holz und Farbe, eine olfaktorische Erinnerung daran, dass dieses Gebäude erst vor wenigen Jahren hochgezogen wurde.

Kurz & Kompakt
  • Lage & Anreise: Mitten in der "Neuen Altstadt" am Hühnermarkt. Am besten mit der U-Bahn bis Haltestelle "Dom/Römer" fahren, von dort sind es nur wenige Minuten zu Fuß über das Kopfsteinpflaster.
  • Zielgruppe: Ein echter Allrounder. Während Kinder sich in der Spiel-Ebene austoben und verkleiden, finden Erwachsene in den oberen Etagen tiefgehende Infos zu Psychiatriegeschichte und politischer Satire.
  • Barrierefreiheit: Trotz der historischen Anmutung und der engen Giebelhäuser ist das Museum dank Aufzug gut zugänglich.
  • Zeitbudget: Plan für einen entspannten Rundgang etwa 1,5 bis 2 Stunden ein.

Mehr als nur der Mann mit den langen Fingernägeln

Viele reduzieren Heinrich Hoffmann auf dieses eine dünne Heftchen mit den drastischen Zeichnungen. Das wird dem Mann nicht gerecht. Die Ausstellung im ersten Stock widmet sich deshalb ausführlich der Person Hoffmann, und das ist gut so. Er war nämlich im Hauptberuf Arzt. Oder genauer: Irrenarzt, wie man das damals wenig charmant nannte. Er reformierte die Frankfurter Psychiatrie. Weg von Zwangsmitteln, hin zu einer menschenwürdigen Behandlung. Das ist der ernste, der wissenschaftliche Hoffmann, den man hier kennenlernt.

Er war ein Tausendsassa. Ein Vereinsmeier, wie man in Frankfurt sagt. Er mischte in der Politik mit, saß im Vorparlament der Paulskirche und schrieb Gedichte. Man sieht Skizzenbücher, Briefe und Dokumente, die einen Mann zeigen, der Humor hatte, aber auch einen scharfen analytischen Verstand. Es ist spannend, diese beiden Seiten zu sehen: den strengen Mediziner und den kreativen Vater, der aus der Not heraus ein Buch bastelte. Die Legende besagt ja, er habe kein passendes Weihnachtsgeschenk für seinen dreijährigen Sohn gefunden. Alles war ihm zu moralinsauer, zu langweilig. Also kaufte er ein leeres Heft und griff selbst zur Feder. Das Ergebnis kennt heute fast jedes Kind, zumindest vom Sehen.

Bilder, die sich ins Gedächtnis brennen

Ein Stockwerk höher wird es bunt. Hier dreht sich alles um das Buch selbst. Man muss kein Kunsthistoriker sein, um die Wucht dieser Zeichnungen zu spüren. Der Struwwelpeter mit seiner wilden Mähne, das Paulinchen, das lichterloh brennt, oder der Daumenlutscher mit dem Schneider und der riesigen Schere. Das sind Urängste, die hier in Primärfarben auf Papier gebannt wurden. In Vitrinen liegen Ausgaben aus aller Herren Länder. Es ist schon kurios, wie der Struwwelpeter auf Japanisch oder Hebräisch aussieht. Die Botschaft scheint universell zu sein, auch wenn die pädagogischen Methoden heute, gelinde gesagt, umstritten sind.

Mark Twain, der amerikanische Schriftsteller, war übrigens so fasziniert von dem Buch, dass er es ins Englische übersetzte. Seine Version "Slovenly Peter" liegt natürlich auch aus. Die Ausstellungsmacher haben darauf geachtet, dass man nicht nur Papier anguckt. Es gibt Hörstationen und interaktive Bildschirme. Manchmal hört man Kinderlachen oder entsetztes Kreischen aus den Lautsprechern, was die Atmosphäre ein wenig aufraut. Es ist eben keine heile Welt, die Hoffmann da gezeichnet hat.

Zwischen Spielplatz und Politsatire

Für Kinder ist eine eigene Ebene reserviert. Das ist klug gelöst, denn während die Erwachsenen sich durch die Biografie lesen, wollen die Kleinen rennen. Hier können sie sich verkleiden. Einmal selbst so aussehen wie der Struwwelpeter oder der Zappelphilipp. Es gibt ein Theaterzimmer, in dem man die Geschichten nachspielen kann. Da wird dann schon mal lautstark darüber diskutiert, ob man die Suppe nun essen soll oder nicht. Das Museum schafft hier den Spagat, ein historisches Dokument ernst zu nehmen und gleichzeitig Spaß damit zu haben.

Doch es gibt auch eine dunkle Seite der Rezeption, die im Museum nicht ausgespart wird. Der Struwwelpeter wurde politisch missbraucht und umgedeutet. Besonders eindrücklich sind die Parodien. Da gibt es den "Struwwelhitler", eine britische Parodie aus dem Jahr 1941, die die Nazis verhöhnt. Oder die antiautoritären Versionen der 68er-Bewegung, in denen sich die Kinder gegen die Eltern auflehnen. Der "Anti-Struwwelpeter" dreht den Spieß um. Das zeigt, wie tief diese Figur im kulturellen Gedächtnis verankert ist. Sie ist eine Projektionsfläche für jede Generation. Man steht vor diesen Vitrinen und merkt erst, wie mächtig diese einfachen Reime eigentlich sind.

Ein Haus voller Winkel und Ecken

Architektonisch ist das Museum eine kleine Herausforderung, aber eine charmante. Da es sich um zwei verbundene Altstadthäuser handelt, gibt es hier und da Stufen, Nischen und enge Durchgänge. Zwar gibt es einen Aufzug, aber das Treppenhaus hat seinen eigenen Reiz. Man läuft über knarzende Dielen (oder solche, die so klingen sollen) und schaut durch kleine Fenster auf das Treiben im Hühnermarkt. Gegenüber sieht man Touristen, die Selfies vor dem Stoltze-Brunnen machen. Drinnen ist es dagegen oft erstaunlich ruhig, fast intim.

Der Museumsshop im Erdgeschoss ist, wie so oft, die letzte Station. Aber hier lohnt sich das Stöbern tatsächlich. Neben den obligatorischen Büchern gibt es Magnete, Tassen und Hampelmänner. Wer ein originelles Mitbringsel aus Frankfurt sucht, das nicht "Apfelwein" schreit, wird hier fündig. Ein kleiner Struwwelpeter für den Kühlschrank ist allemal besser als der zehnte Römer-Schneeball.

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