Wenn du das erste Mal auf dem Römerberg stehst, zwischen den fein herausgeputzten Fachwerkhäusern der „neuen“ Altstadt und der Alten Nikolaikirche, fällt er dir sofort ins Auge. Ein riesiger, fast monolithischer Klotz aus rotem Mainsandstein. Das ist der Neubau des Historischen Museums. Als das Ding 2017 eröffnet wurde, gab es in der Stadt ordentlich Gerede. Zu modern, zu wuchtig, passt nicht ins Puppenstubenbild, hieß es oft. Aber genau das ist der Punkt. Frankfurt ist eben nicht nur Fachwerkromantik, sondern eine Stadt der Brüche und Kontraste. Das Architekturbüro Lederer Ragnarsdóttir Oei hat hier einen Bau hingestellt, der selbstbewusst „Hier bin ich“ sagt und sich trotzdem vor der Geschichte verneigt. Die spitzgiebelige Form zitiert die historischen Dächer der Umgebung, aber die Ausführung ist knallhart modern. Man muss das nicht schön finden, aber es ist ehrlich. Und wenn du erst mal drin bist, verstehst du auch, warum das Gebäude so dimensioniert ist. Es braucht Platz. Verdammt viel Platz.
Der Eingangsbereich fühlt sich eher an wie eine moderne Bahnhofshalle oder ein schickes Foyer in einem der Bankentürme drüben im Bankenviertel. Lichtdurchflutet, hoher Luftraum, viel Beton und Stein. Du merkst sofort: Das hier ist kein staubiges Heimatmuseum, in dem alte Spinnräder vor sich hin morsch werden. Das Museum hat den Anspruch, ein Stadtmuseum für das 21. Jahrhundert zu sein. Partizipativ, inklusiv und manchmal auch ein bisschen anstrengend, weil es dich zum Nachdenken zwingt. Aber keine Sorge, es gibt auch genug zum einfach nur Anschauen.
Kurz & Kompakt - Hinkommen: Am besten mit der U-Bahn (U4/U5) bis zur Station "Dom/Römer". Von da fällst du quasi direkt vor die Tür. Parken in der Innenstadt ist teuer und nervig, also lass das Auto stehen.
- Zeitbudget: Plan mal locker 2 bis 3 Stunden ein. Wer alles lesen will, braucht einen Schlafsack. Der Eintritt gilt für den ganzen Tag, zwischendurch rausgehen und später wiederkommen ist also drin.
- Gastro-Tipp: Das Museumscafé im "Haus zur Goldenen Waage" (gehört zum Komplex, Eingang außen) ist architektonisch ein Hingucker, aber oft voll. Alternativ gibt es im Foyer auch Snacks.
- Highlight für Kids: Das "Junge Museum" ist im selben Gebäude integriert und absolut top für Kinder, mit vielen interaktiven Stationen. Ist im Ticket oft inkludiert oder günstig dazu buchbar.
Der Schneekugel-Effekt
Gleich im Foyer wirst du von etwas begrüßt, das auf den ersten Blick völlig gaga wirkt. Eine riesige Installation, die aussieht wie eine dekonstruierte Schneekugel. Der Künstler hat hier typische Frankfurter Klischees verarbeitet. Bembel, Banken, Bethmännchen. Das Ding dreht sich, macht Geräusche, es ist bunt und laut. Es ist der perfekte Einstieg, weil es zeigt, dass Frankfurt sich selbst nicht immer bierernst nimmt. Oder zumindest nicht sollte. Die Kuratoren wollen damit sagen: Schau her, wir wissen, was du über die Stadt denkst, aber wir zeigen dir jetzt mal, was wirklich dahintersteckt. Es ist ein Bruch mit der Erwartungshaltung, gleich am Anfang eine römische Vase oder einen Kaiserpokal zu sehen.
Von hier aus hast du die Qual der Wahl. Das Museum ist riesig. Es gliedert sich grob in den Neubau mit den Dauerausstellungen „Frankfurt Einst?“ und „Frankfurt Jetzt!“ sowie den Altbau, den Saalhof. Ein guter Rat: Versuch gar nicht erst, alles an einem Tag im Detail zu lesen. Das schafft kein Mensch, ohne dass ihm der Kopf raucht. Pick dir lieber Rosinen raus. Das Museum ist so konzipiert, dass du kreuz und quer laufen kannst.
Frankfurt Einst? – Mehr als nur Daten
Die Ausstellung zur Stadtgeschichte im Obergeschoss ist thematisch sortiert, nicht stur chronologisch. Das ist einerseits erfrischend, andererseits verliert man manchmal den Faden, wenn man nicht aufpasst. Es gibt Räume zu Themen wie „Bürgerstadt“, „Geldstadt“ oder „Weltstadt“. Was wirklich stark gemacht ist, ist die Inszenierung der Objekte. Da steht nicht einfach nur eine Vitrine an der Wand. Oft hängen die Exponate frei im Raum oder sind in riesigen Regalen angeordnet, die bis unter die Decke reichen. Man fühlt sich ein bisschen wie im begehbaren Magazin eines verrückten Sammlers.
Ein absolutes Highlight, an dem du auf keinen Fall vorbeigehen darfst, sind die Treuner-Modelle. Die Gebrüder Treuner haben in jahrelanger Kleinarbeit die Frankfurter Altstadt nachgebaut, wie sie vor der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg aussah. Wenn du vor diesen Modellen stehst, wird es meistens ganz still im Raum. Die Detailverliebtheit ist unfassbar. Winzige Fensterläden, kleine Schornsteine, krumme Gassen. Und gleich daneben siehst du dann Bilder oder Modelle der zerstörten Stadt nach 1944. Dieser Kontrast haut rein. Es ist vielleicht der emotionalste Teil des ganzen Hauses, weil er greifbar macht, was in den Bombennächten verloren gegangen ist. Hier spürst du den Phantomschmerz der Stadt, den viele alte Frankfurter bis heute mit sich rumtragen.
Abstieg in den Stauferhafen
Jetzt wird es historisch im wörtlichen Sinne. Du musst runter in den Keller. Und zwar tief. Das Historische Museum integriert nämlich den Saalhof, das älteste aufrecht stehende Bauwerk der Stadt. Hier unten riecht es anders. Ein bisschen nach feuchtem Stein, nach Alter, nach Fluss. Du stehst plötzlich vor einer massiven Kaimauer aus der Stauferzeit, also aus dem 12. oder 13. Jahrhundert. Damals floss der Main direkt hier vorbei. Es ist schon ein irres Gefühl, die Hand auf Steine zu legen, die da schon lagen, als Friedrich Barbarossa noch ein Thema war.
Der Übergang vom hippen Neubau in diese alten Gewölbe ist architektonisch ziemlich clever gelöst. Man stolpert nicht einfach hinein, sondern wird langsam hinuntergeführt. Unten im Saalhof gibt es dann auch die klassischen Exponate zur Reichsgeschichte. Replikate der Reichskleinodien zum Beispiel. Das wirkt im Vergleich zur bunten Show oben etwas konventioneller, aber die Atmosphäre in den Gewölben, besonders in der Stauferkapelle, ist dicht und authentisch. Es ist ein kurzer Moment der Ruhe, bevor man sich wieder in den Trubel der oberen Etagen stürzt.
Frankfurt Jetzt! – Die Stadt als Labor
Zurück im Neubau solltest du dir die Abteilung „Frankfurt Jetzt!“ anschauen. Hier wagt das Museum das Experiment, die Gegenwart einzufangen. Das ist gar nicht so einfach, weil die Gegenwart ja ständig zur Vergangenheit wird. Es gibt ein riesiges Stadtmodell von heute, auf das Daten projiziert werden. Verkehrsflüsse, Pendlerströme, solche Sachen. Das sieht visuell stark aus. Spannender ist aber das „Stadtlabor“. Hier machen Frankfurter Bürger ihre eigenen Ausstellungen. Das kann mal eine Gruppe von Punks sein, mal ein Kleingärtnerverein oder Migrantenorganisationen. Die Qualität schwankt logischerweise, aber es ist extrem authentisch. Da wird nichts geschönt. Manchmal ist es chaotisch, manchmal berührend.
Besonders hängen bleibt oft die „Bibliothek der Generationen“. Ein Kunstprojekt, bei dem Menschen und Gruppen ihre eigenen Erinnerungen in Kisten verpacken und dem Museum übergeben. Man kann sich durch die Lebensgeschichten von ganz normalen Leuten wühlen. Das ist Voyeurismus im besten Sinne und erzählt mehr über die Stadt als jede offizielle Urkunde. Hier lernst du, wie der Frankfurter babbelt, was ihn nervt und warum er seine Stadt trotz allem liebt.
Der Turm und der Blick
Wenn die Füße langsam schwer werden und der Kopf voll ist mit Informationen über Messeprivilegien und Goethes Socken (ja, Devotionalien gibt es auch), dann ab in den Rententurm. Der gehört nämlich auch zum Museumskomplex. Über eine Wendeltreppe, die einen leichten Drehwurm garantiert, geht es nach oben. Dort tickt eine faszinierende historische Uhr, deren Mechanik man bestaunen kann. Aber das eigentliche Ziel ist der Ausblick.
Du schaust durch die Fenster direkt auf den Main, den Eisernen Steg und hinüber nach Sachsenhausen. Bei gutem Wetter glitzert das Wasser, die Ausflugsschiffe schieben sich träge flussaufwärts, und du hast für einen Moment Distanz zum Gewusel auf dem Römerberg. Von hier oben sieht Frankfurt fast friedlich aus. Ein Trugschluss natürlich, aber ein schöner. Der Rententurm war früher Teil der Stadtbefestigung und diente auch mal als Hafentor. Dass man heute von hier aus Selfies mit der Skyline im Hintergrund macht, hätte sich der Türmer von damals wohl auch nicht träumen lassen.
Kleiner Exkurs: Sammelwut
Noch ein Wort zur Sammlungspolitik, die an vielen Stellen im Haus thematisiert wird. Das Museum nennt sich selbstbewusst „Sammlermuseum“. Im Dachgeschoss des Neubaus wird das auf die Spitze getrieben. Dort findest du Vitrinen vollgestopft mit Dingen. Kaffeekannen, Spielzeug, technisches Gerät. Es wirkt wie ein gigantischer Flohmarkt, aber genau sortiert. Die Idee dahinter ist zu zeigen, dass Geschichte sich in Alltagsgegenständen manifestiert. Eine Plastiktüte aus den 80ern erzählt eine andere Geschichte als ein Jutebeutel von heute. Wer ein Faible für Krimskrams und Designgeschichte hat, kann sich hier oben stundenlang verlieren und immer wieder rufen: „Guck mal, so einen Föhn hatte meine Oma auch!“