Frankfurt a.M.

"Shop 'til you drop" auf der Zeil: Ein Guide durch Deutschlands umsatzstärkste Einkaufsmeile

Auf der Zeil schlägt das kommerzielle Herz der Stadt, irgendwo zwischen architektonischem Wahnwitz und bodenständigem Marktgeschehen. Wer hier überleben will, braucht gute Schuhe und starke Nerven.

Frankfurt a.M.  |  Aktivitäten & Erlebnisse
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Zwischenablage

Es rauscht. Wer an der Hauptwache aus dem Untergrund der S-Bahnstation nach oben stolpert, wird sofort von einem Grundrauschen empfangen, das in Deutschland seinesgleichen sucht. Es ist nicht der Verkehr, denn Autos haben hier seit Jahrzehnten nichts mehr verloren. Es sind die Schritte von tausenden Menschen, das Stimmengewirr aus gefühlt hundert Sprachen und das Klappern von Rollkoffern auf dem Pflaster. Die Zeil ist keine gemütliche Bummelallee für Romantiker. Sie ist eine Maschine. Eine gut geölte Konsummaschine, die sich auf gut 500 Metern zwischen den beiden großen Plätzen Hauptwache und Konstablerwache erstreckt.

Man steht zunächst da und orientiert sich an der Katharinenkirche oder dem Café Hauptwache, diesem barocken kleinen Gebäude, das wie ein vergessenes Spielzeug zwischen den Betonriesen wirkt. Von hier aus blickt man in den Schlund der Einkaufsstraße. Links und rechts ragen die Fassaden auf. Manche sind schlichte Zweckbauten der Nachkriegszeit, hastig hochgezogen, als Frankfurt noch in Trümmern lag, andere versuchen mit Glas und Stahl Modernität zu schreien. Die Platanen, die in der Mitte der Straße stehen, wirken im Sommer wie grüne Rettungsinseln in einem Meer aus Grau und Leuchtreklame.

Kurz & Kompakt
  • Bester Blick: Die Dachterrasse der Galeria (ehemals Kaufhof) an der Hauptwache bietet ein kostenloses Panorama der Skyline, das viele Aussichtsplattformen schlägt.
  • Lokales Highlight: Der Erzeugermarkt an der Konstablerwache (Donnerstag & Samstag) ist Pflicht für Foodies. Unbedingt probieren: Grüne Soße und einen Apfelwein.
  • Architektur-Tipp: Das "MyZeil" Shoppingcenter nicht nur von außen betrachten, sondern die lange Rolltreppe ("Expressway") nutzen, um die gewagte Stahl-Glas-Konstruktion von innen zu erleben.
  • Anreise: Parkhäuser sind teuer und voll. Besser mit S-Bahn oder U-Bahn bis "Hauptwache" oder "Konstablerwache" fahren – beide Stationen liegen direkt an den Enden der Fußgängerzone.

Architektur, die den Kopf verdreht

Eines kann man der Zeil nicht vorwerfen: dass sie langweilig wäre, wenn man den Blick mal über die Schaufensterhöhe hebt. Das markanteste Beispiel dafür ist unübersehbar das MyZeil. Ein gläsernes Ungetüm oder ein architektonisches Meisterwerk? Da scheiden sich in Frankfurt die Geister, auch wenn man zugeben muss, dass Massimiliano Fuksas hier einen bleibenden Eindruck hinterlassen hat. Die Fassade hat ein Loch, als wäre ein riesiger Komet eingeschlagen und hätte das Glas nach innen gesaugt. Innen setzt sich das fort. Eine Rolltreppe schraubt sich schier endlos in den Himmel, direkt in die vierte Etage. Das Ding heißt "Expressway" und ist angeblich eine der längsten freitragenden Innenrolltreppen Europas.

Einheimische nutzen das Gebäude oft nur als Abkürzung oder wegen des Food-Courts ganz oben, wenn der Magen knurrt und es schnell gehen muss. Aber für den Besucher lohnt sich die Fahrt nach oben allein wegen der Aussicht auf die Konstruktion. Es ist laut da drin, hallig und oft stickig, aber visuell gewaltig. Direkt gegenüber, etwas weiter Richtung Osten, stand mal die Zeilgalerie, die abgerissen wurde, um der UpperZeil Platz zu machen. Architektur ist in Frankfurt eben Wegwerfware. Was heute modern ist, wird morgen von der Abrissbirne geküsst.

Das Sortiment: Alles, was man kennt

Machen wir uns nichts vor. Wer auf die Zeil kommt, sucht selten das kleine, inhabergeführte Geschäft mit handgeschnitzten Holzspielzeugen aus dem Erzgebirge. Die Mieten hier sind astronomisch. Das sorgt für eine Selektion, bei der nur die ganz großen Fische überleben. Man findet sie alle: Die spanischen Modeketten, die schwedischen Textilriesen, die großen Drogeriemärkte und Schuhdiscounter. Es ist der Mainstream in Reinkultur. Das Praktische daran ist die Dichte. Du brauchst eine neue Jeans, ein Smartphone und danach ein paar Turnschuhe? Du kriegst das alles, ohne mehr als dreihundert Meter laufen zu müssen.

Interessant ist dabei die Dynamik der Warenhäuser. Galeria (ehemals Kaufhof) thront immer noch massiv an der Hauptwache. Es ist ein Relikt aus einer Zeit, als das Warenhaus noch der Tempel des bürgerlichen Konsums war. Heute wirkt es drinnen manchmal etwas aus der Zeit gefallen, die Gänge sind breit, das Licht ist gelblich. Aber, und das ist ein echter Insider-Tipp: Fahr ganz nach oben. Die Dachterrasse des Restaurants bietet einen der besten kostenlosen Blicke auf die Frankfurter Skyline. Da stehst du dann, mit einem Kännchen Kaffee oder einem Stück Kuchen, und vor dir ragen die Bankentürme in den Himmel. Mainhattan liegt dir zu Füßen, und der Trubel unten auf der Straße ist nur noch ein leises Summen.

Der Kontrast: Wenn es teuer werden soll

Nur einen Steinwurf von der hektischen Massenabfertigung der Zeil entfernt, ändert sich das Bild radikal. Biegt man an der Hauptwache in Richtung Goethestraße ab, riecht die Luft plötzlich anders. Vielleicht bilde ich mir das ein, aber es riecht nach teurem Parfüm und neuem Leder. Hier stehen die Türsteher vor den Boutiquen, und im Schaufenster liegen Handtaschen, die so viel kosten wie ein Kleinwagen. Es ist fast schon absurd, wie nah diese beiden Welten beieinanderliegen. Auf der Zeil jagen Teenager den Schnäppchen hinterher, hundert Meter weiter steigen Herrschaften in maßgeschneiderten Anzügen aus schwarzen Limousinen.

Dieser Kontrast macht Frankfurt aus. Es ist keine Stadt der sanften Übergänge. Reich und Durchschnitt, Hochglanz und Straßenstaub prallen hier ungebremst aufeinander. Wer genug von den großen Ketten hat, kann auch in die Schillerstraße oder die Neue Kräme ausweichen. Dort findet man zwar auch keine absoluten Geheimtipps mehr, aber die Atmosphäre ist gediegener, das Tempo etwas langsamer. In der Kleinen Bockenheimer Straße, die jeder nur "Fressgass" nennt, geht es dann ums Sehen und Gesehenwerden bei einem Glas Riesling oder einem Espresso.

Konstablerwache: Das raue Ende der Meile

Laufen wir die Zeil weiter Richtung Osten. Die Architektur wird etwas zweckmäßiger, das Publikum noch bunter. Wir nähern uns der "Konsti", der Konstablerwache. Der Platz selbst gewinnt keinen Schönheitspreis. Er ist eine weite Fläche aus Beton, oft windig, dominiert von den Eingängen zur S-Bahn und Straßenbahnschienen. Hier ist Frankfurt ungeschminkt. Es ist der Treffpunkt für Skater, Punks, Geschäftsleute und Touristen gleichermaßen. Es ist laut, manchmal etwas dreckig, aber unglaublich lebendig.

Wenn du Glück hast, und zwar donnerstags oder samstags, verwandelt sich dieser Betonfleck in das kulinarische Herz der Stadt. Der Erzeugermarkt auf der Konstablerwache ist eine Institution. Hier kaufen die Frankfurter nicht nur ein, hier "babbeln" sie. Zwischen den Ständen mit frischem Gemüse aus der Wetterau und Wurstwaren aus dem Vogelsberg steht man zusammen und trinkt Apfelwein. Nicht aus dem edlen Glas, sondern aus dem gerippten Becher, im Stehen, direkt vom Fass. Dazu gibt es eine Rindswurst oder Grüne Soße mit Kartoffeln. Es schmeckt ehrlich und deftig. Wer die Zeil besucht und diesen Markt ignoriert, hat Frankfurt nicht verstanden. Hier mischt sich das Volk, hier ist die Arroganz der Bankentürme ganz weit weg.

Schattenseiten und Sicherheit

Man muss auch ehrlich sein: Wenn die Geschäfte schließen, ändert die Zeil ihr Gesicht. Sobald die Rollläden runtergehen, wird die Straße leer und wirkt seltsam überdimensioniert. In den Randbereichen und besonders in den B-Ebenen (den unterirdischen Verteilerebenen der U-Bahnen) sammeln sich dann Gestalten, denen man nicht unbedingt allein begegnen möchte. Frankfurt ist eine Großstadt mit allen dazugehörigen Problemen. Drogen und Obdachlosigkeit sind sichtbar, gerade rund um die großen Bahnhöfe.

Tagsüber ist die Zeil jedoch sicher, wenngleich man – wie überall im Gedränge – auf seine Wertsachen achten sollte. Taschendiebe lieben das Gedränge vor den Schaufenstern, wenn die Leute abgelenkt sind. Ein gesunder Menschenverstand und ein fester Griff an der Handtasche reichen völlig aus. Die Polizeipräsenz an der Hauptwache (da ist ja tatsächlich eine Wache im historischen Gebäude) und an der Konstablerwache ist hoch.

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