Frankfurt a.M.

Drachen, Teiche und Taihu-Felsen: Der Chinesische Garten im Bethmannpark

Wer durch das hölzerne Tor des Chinesischen Gartens tritt, tauscht Skyline gegen geschwungene Dächer und Hektik gegen das Plätschern eines Wasserfalls. Ein Ort, der nicht um Aufmerksamkeit brüllt, sondern sie leise einfordert.

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Zwischenablage

Es ist schon ein kurioser Kontrast. Draußen auf der Friedberger Landstraße schieben sich Blechlawinen Richtung Innenstadt, die Straßenbahn quietscht in den Kurven, und das Martinshorn gehört zum festen Soundtrack des Frankfurter Nordends. Doch kaum hast du die Mauern des Bethmannparks passiert und steuerst auf den westlichen Bereich zu, verschiebt sich die Wahrnehmung. Da steht er, der "Garten des Himmlischen Friedens", oder auf Chinesisch: Tian An Yuan. Dass dieser Ort existiert, ist kein Zufall und erst recht keine modische Laune der Stadtplaner, sondern das Ergebnis einer handfesten Partnerschaft. Seit 1988 ist Frankfurt mit der chinesischen Stadt Guangzhou (Kanton) verschwistert. Ein Jahr später, im Frühling 1989, wurde der Garten eröffnet. Ein Geschenk, eine Geste, ein politisches Symbol. Dass der Name "Himmlischer Frieden" im selben Jahr durch die Ereignisse auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking eine ganz andere, tragische Konnotation bekam, ist eine Ironie der Geschichte, die man hier im Westen oft vergisst, die aber mitschwingt, wenn man sich mit der Historie befasst.

Gebaut wurde die Anlage nicht etwa von lokalen Gärtnern, die mal schnell ein "China-Handbuch" durchgeblättert haben. Das hier ist das echte Ding. 22 Container voller Material schipperten damals von Guangzhou nach Hamburg und weiter an den Main. Edle Hölzer, glasierte Ziegel, bizarr geformte Steine. Dazu kam ein Tross von chinesischen Handwerkern, die wochenlang sägten, hämmerten und mauerten, um auf gut 4.000 Quadratmetern eine Illusion zu erschaffen, die in Europa ihresgleichen sucht. Es handelt sich stilistisch um einen sogenannten Gelehrten-Garten im Stile der "Schule des Südens" (Jiangnan), wie man sie in der berühmten Gartenstadt Suzhou findet. Das bedeutet: schlichte Eleganz, weiße Mauern, graue Ziegel und dunkel lasiertes Holz. Kein kaiserlicher Prunk mit viel Gold und Rot, wie man ihn aus Peking kennt, sondern zurückhaltende Raffinesse.

Kurz & Kompakt
  • Hinkommen: U-Bahn Linie U4 bis "Merianplatz" oder Straßenbahn Linie 12/18 bis "Hessendenkmal". Der Eingang zum Chinesischen Garten liegt innerhalb des Bethmannparks an der Berger Straße/Friedberger Landstraße.
  • Wann: Täglich geöffnet ab 7:00 Uhr bis Einbruch der Dunkelheit. Der Eintritt ist frei, was für eine Anlage dieser Qualität in Frankfurt selten ist.
  • Nicht verpassen: Die Spiegelungen im Wasserpavillon am frühen Morgen und die filigranen Muster der "Leak Windows" in den weißen Mauern.
  • Besonderheit: Barrierefreiheit ist nur bedingt gegeben. Die hohen Schwellen an den Toren (Geisterabwehr!) und die steile Brücke sind für Rollstühle oder Kinderwagen schwer zu meistern.

Die Architektur der Zickzack-Wege

Wer den Garten betritt, wird von zwei steinerne Löwen begrüßt – Wächterfiguren, die böse Geister abhalten sollen. Und genau hier beginnt das Spiel mit der Wahrnehmung. In der chinesischen Gartenkunst ist der gerade Weg verpönt. Man glaubt, dass Geister sich nur in geraden Linien fortbewegen können. Also macht man es ihnen schwer. Die "Brücke des halben Bootes" und die diversen Pfade sind verwinkelt, führen im Zickzack über das Wasser oder schlängeln sich an Felsen vorbei. Das hat aber auch einen ganz profanen, ästhetischen Nutzen: Durch die ständigen Richtungswechsel ändert sich mit jedem Schritt die Perspektive. Mal schaust du auf einen Pavillon, mal auf eine Felsformation, mal spiegelt sich ein Baum im Wasser. Der Garten wirkt dadurch viel größer, als er eigentlich ist.

Ein zentrales Element ist der große Teich, um den sich die Anlage gruppiert. Das Wasser ist meist dunkel, fast grünlich, was die Spiegelungen der weißen Mauern und der geschwungenen Dächer intensiviert. Darin tummeln sich Kois, teils von beachtlicher Größe, die träge ihre Runden drehen und darauf warten, dass jemand (verbotenerweise) Futter hineinwirft. Über den Teich führt die "Jaspis-Brücke", ein steiler Bogen aus Stein, der beim Überqueren ein wenig Trittsicherheit verlangt. Wer hier stolpert, landet unsanft, aber die Aussicht von der höchsten Stelle auf das Ensemble entschädigt für die Mühe.

Von tanzenden Drachen und löchrigen Steinen

Auffällig sind die Fenster in den weißen Umfassungsmauern. Sie sind nicht einfach Löcher, sondern kunstvoll mit Ziegeln oder Ton geformte Gitterwerke in Form von Blumen, Vasen oder geometrischen Mustern. "Leak Windows" nennt man das im Fachjargon. Sie geben den Blick auf den dahinterliegenden Bambus nur schemenhaft frei und rahmen die Natur wie ein Gemälde. Besonders stolz ist man im Park auf die "Drachenmauer". Am Eingang und an den Dachenden winden sich Drachenfiguren. Der Drache steht in China nicht für das Böse, das vom Ritter erschlagen werden muss, sondern für Glück, Fruchtbarkeit und kaiserliche Macht. Die grauen Ziegel auf der Mauer sind so geschichtet, dass sie wie ein schuppiger Drachenleib wirken, der sich wellenförmig durch das Grün bewegt.

Ein Detail, das vielen Besuchern erst auf den zweiten Blick auffällt, sind die Steine. Überall ragen seltsam verformte, löchrige Felsbrocken aus der Erde oder dem Wasser. Das sind Taihu-Steine. In China werden diese Kalksteine, die durch Wassererosion im Taihu-See ihre bizarren Formen erhalten haben, seit Jahrhunderten gesammelt und extrem hoch gehandelt. Sie gelten als Inbegriff der natürlichen Ästhetik: runzlig, durchlässig, mager und hässlich-schön. Im Bethmannpark stehen einige Exemplare, die extra importiert wurden. Sie sollen Gebirge im Miniaturformat darstellen und den Betrachter an die wilde, ungezähmte Natur erinnern, während er mitten in einer streng komponierten Anlage steht.

Pflanzen mit Charakter statt Blütenmeer

Wer hierherkommt und ein Meer aus bunten Blumen erwartet wie im Palmengarten, der wird enttäuscht sein – oder muss zumindest seine Erwartungshaltung justieren. Ein chinesischer Garten funktioniert anders. Es geht um Symbolik und Struktur. Die "Drei Freunde des Winters" spielen die Hauptrolle: Kiefer, Bambus und Pflaume. Die Kiefer steht für langes Leben und Beständigkeit, weil sie auch im Winter grün bleibt. Der Bambus symbolisiert Flexibilität und moralische Integrität – er biegt sich im Sturm, aber er bricht nicht. Und die Pflaume (oder Winterkirsche) blüht oft schon, wenn noch Schnee liegt, und steht für den Neuanfang und die Hoffnung.

Dennoch gibt es Farbtupfer. Im Sommer blühen die Lotusblumen im Teich, ihre großen Blätter liegen wie Teller auf der Wasseroberfläche. Magnolien und Azaleen setzen im Frühjahr Akzente. Aber die Grundstimmung ist grün, grau und weiß. Das beruhigt das Auge ungemein. Man kann sich auf eine der hölzernen Bänke im "Pavillon des geläuterten Herzens" setzen und einfach nur ins Grüne starren. Das Rauschen des künstlichen Wasserfalls übertönt dabei erstaunlich effektiv den Stadtlärm. Es ist, als hätte jemand die Lautstärke der Welt ein wenig heruntergedreht.

Feuer und Wiedergeburt: Ein rabenschwarzes Kapitel

Dass wir den Garten heute so sehen können, ist leider nicht selbstverständlich. In der Nacht zum 1. Juni 2017 brannte der Hauptpavillon, das Herzstück der Anlage, komplett nieder. Brandstiftung. Ein Schock für viele Frankfurter. Da blutete einem echt das Herz, wenn man die verkohlten Reste sah. Es war ein sinnloser Akt der Zerstörung. Doch die Reaktion der Stadt und der Partnerstadt Guangzhou war bemerkenswert. Man entschied sich sofort für den Wiederaufbau. Wieder reisten Fachleute aus China an, wieder wurde traditionelles Material beschafft. Gut zwei Jahre und Millionen Euro später, im Oktober 2019, konnte der Garten wiedereröffnet werden. Er sieht heute fast genauso aus wie vorher, vielleicht riecht das Holz noch etwas frischer. Es zeigt aber auch, wie viel Mühe man sich hier gibt, dieses kulturelle Erbe zu pflegen. Es ist eben nicht nur Deko, sondern ein ernstzunehmendes Bauwerk.

Einheimische Rituale und Besucher-Etikette

Beobachtet man die Menschen im Garten, fällt auf: Hier wird geflüstert. Ganz automatisch. Selbst Kinder, die im restlichen Bethmannpark noch getobt haben, werden hier oft ruhiger. Man sieht Leute, die Tai Chi üben – meistens morgens, wenn der Tau noch auf den Gräsern liegt. Andere sitzen mit einem Skizzenblock auf den Steinen. Es ist ein Ort der Entschleunigung, so abgedroschen das Wort auch klingen mag. Aber Vorsicht: Die Parkwächter verstehen keinen Spaß bei den Öffnungszeiten. Im Winter wird früh abgeschlossen, und wer drin bleibt, hat ein Problem. Auch Hunde sind im chinesischen Teil (im Gegensatz zum restlichen Park) tabu, ebenso wie Fahrräder. Das wird streng kontrolliert, und das ist auch gut so, denn die engen Wege bieten keinen Platz für Ausweichmanöver mit der Hundeleine.

Spannend ist dabei, dass der Garten trotz seiner Abgeschlossenheit nie ganz isoliert ist. Wenn man im Wasserpavillon steht und durch die fein geschnitzten Holzgitter schaut, blitzt manchmal die Spitze eines Bankenturms durch die Baumwipfel. Dieser Kontrast – hier die jahrtausendealte Ästhetik der Gelehrten, dort der kapitalistische Hochglanz von "Mainhattan" – macht den eigentlichen Reiz aus. Es erdet einen. Man kommt raus, atmet tief durch, sieht den dicken Kois beim Nichtstun zu und geht dann wieder zurück in den Wahnsinn der Großstadt. Und genau dafür ist dieser Ort da.

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