Frankfurt a.M.

Eiserner Steg: Liebesschlösser, Touristenströme und schönster Weg nach Sachsenhausen

Der Eiserne Steg ist Frankfurts lebendige Ader über dem Main, ein Ort voller Geschichte, kitschiger Liebesschwüre und dem wahrscheinlich besten Blick auf "Mainhattan".

Frankfurt a.M.  |  Highlights & Stadtviertel
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Zwischenablage

Es rappelt. Wenn an einem sonnigen Samstagnachmittag hunderte Menschen gleichzeitig den Eisernen Steg überqueren, dann bleibt der Boden unter deinen Füßen nicht ruhig. Das gehört dazu. Es ist kein Erdbeben, sondern das Atmen einer Konstruktion, die seit über 150 Jahren das Frankfurter Zentrum, das hier "Hibbdebach" genannt wird, mit dem Stadtteil Sachsenhausen, dem "Dribbdebach", verbindet. Man steht auf genietetem Stahl, spürt den Wind, der durch das Maintal pfeift, und hört ein babylonisches Sprachgewirr aus Deutsch, Englisch, Japanisch und Hessisch. Es riecht nach Flusswasser, manchmal nach den Abgasen der vorbeiziehenden Frachtschiffe und oft nach gebrannten Mandeln, wenn drüben auf dem Römerberg wieder irgendein Fest im Gange ist.

Der Steg ist kein Ort der Stille. Fast immer steht irgendwo ein Straßenmusiker, der auf dem Akkordeon die Titelmelodie von "Der Pate" oder "Amélie" spielt, während Touristen versuchen, mit dem Selfie-Stick den perfekten Winkel zwischen der eigenen Nase und dem Commerzbank-Tower zu finden. Das ist nicht immer idyllisch, aber es ist echt. Frankfurt macht hier keine Show für Besucher, die Stadt drängt sich einfach über diese Brücke, weil es der direkteste Weg ist. Wer hier stehen bleibt und sich über das Geländer beugt, sieht unten das trübe, graugrüne Wasser des Mains, der sich behäbig Richtung Rhein wälzt. Es hat etwas Beruhigendes, diesem stetigen Fluss zuzusehen, während oben auf dem Metallrost das Leben tobt.

Kurz & Kompakt
  • Hinkommen: U-Bahn Station "Dom/Römer" (Nordseite) oder "Schweizer Platz" (Südseite). Von dort sind es jeweils nur wenige Minuten zu Fuß.
  • Beste Zeit: Zum Sonnenuntergang für Fotos. Wer Ruhe sucht, muss sehr früh morgens kommen (vor 8 Uhr), dann gehört die Brücke dir und den Joggern allein.
  • Insider-Tipp: Nicht direkt am Brückenkopf in die erstbeste Touri-Kneipe fallen. Lauf lieber 10 Minuten weiter den Schaumainkai entlang oder tief nach Sachsenhausen rein für authentischeren Apfelwein.

Tonnenweise Romantik und Rost

Man kommt nicht umhin, sie zu bemerken. Die Liebesschlösser. Es waren mal ein paar Dutzend, jetzt sind es Tausende. Vielleicht Zehntausende. Sie hängen in dichten Trauben an den Drahtgittern des Geländers, Schicht über Schicht. Rote Herzen, goldene Gravuren, billige Vorhängeschlösser aus dem Baumarkt, auf die mit Edding hastig Initialen gekritzelt wurden. "Kevin + Chantal 2014". Ob die beiden noch zusammen sind? Wer weiß das schon. Die Schlüssel liegen unten im Schlamm des Mains, für immer versenkt, so will es der Brauch.

Für Statiker ist dieser metallene Liebesbeweis ein Albtraum. Das Zusatzgewicht ist enorm, es geht in die Tonnen. Die Stadtverwaltung sieht das mit gemischten Gefühlen. Einerseits ist es eine Touristenattraktion, andererseits nagt der Rost, der sich zwischen den Schlössern bildet, an der historischen Substanz des Geländers. Ab und zu rückt der Bauhof an und entfernt eine Fuhre, um die Sicherheit zu gewährleisten, aber die Lücken füllen sich schneller wieder, als man "Ewige Liebe" sagen kann. Es ist ein kurioses Mosaik aus Hoffnungen und Metallschrott. Wenn die Sonne tief steht, funkelt das alles in warmen Farben; bei Regen wirkt es eher wie ein nasser, rostiger Panzer.

Bürgerstolz statt Kaiserliche Gnade

Interessant ist die Geschichte, die man nicht auf den ersten Blick sieht. Der Eiserne Steg ist nämlich ein Denkmal bürgerlichen Ungehorsams, oder zumindest bürgerlicher Eigeninitiative. Mitte des 19. Jahrhunderts reichte die Alte Brücke längst nicht mehr aus, um den Verkehr zu bewältigen. Die Stadtregierung zauderte, lamentierte über fehlendes Geld und tat: nichts. Das ließen sich die Frankfurter Kaufleute und Bürger nicht bieten. Sie gründeten 1867 kurzerhand einen Verein, sammelten Geld und bauten das Ding einfach selbst. 1869 war Eröffnung.

Umsonst war der Übergang damals allerdings nicht. Wer rüber wollte, musste einen "Kreuzer" Brückenzoll zahlen. Das brachte der Brücke lange Zeit den Spitznamen "Kreuzerweg" ein. Erst als die Baukosten durch die Maut wieder eingespielt waren, übergab der Verein die Brücke der Stadt und die Gebühr fiel weg. Das ist typisch Frankfurt: Man wartet nicht auf die Obrigkeit, man macht Geschäfte und löst Probleme pragmatisch. Was wir heute sehen, ist allerdings nicht mehr das Original von 1869. Die Wehrmacht sprengte die Brücke in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs sinnloser Weise in die Luft. Der Wiederaufbau erfolgte kurz darauf, allerdings wurde die Brücke dabei leicht angehoben, damit die modernen, größeren Rheinschiffe drunter durchpassen.

Griechische Philosophie über hessischem Wasser

Wer vom Römerberg auf die Brücke zuläuft, stolpert visuell über einen Schriftzug, der so gar nicht nach Hessen passen will. Oben im Stahlfachwerk prangt in goldenen griechischen Lettern ein Zitat aus Homers Odyssee: "ΠΛΕΩΝ ΕΠΙ ΟΙΝΟΠΑ ΠΟΝΤΟΝ" (Pleōn epi oinopa ponton). Das bedeutet so viel wie "Segelnd über das weinfarbene Meer".

Nun muss man schon sehr viel Apfelwein getrunken haben, um das Wasser des Mains als "weinfarben" zu bezeichnen. Braun, Olivgrün, bei Hochwasser auch mal Schlammgrau, ja. Aber Weinrot? Der Künstler Hagen Bonifer, der das Zitat 1993 dort anbrachte, wollte damit wohl eher eine Verbindung zwischen dem Element Wasser und der menschlichen Reise an sich herstellen. Oder es ist ein subtiler Hinweis darauf, dass man sich auf dem Weg nach Sachsenhausen befindet, wo der Äppelwoi in Strömen fließt. Es gibt dem profanen Stahlgerüst jedenfalls eine intellektuelle Note, die viele Passanten kurz innehalten lässt, um ihr Schulgriechisch vergeblich abzurufen.

Der schönste Blick auf Mainhattan

Warum bleiben die Leute mitten auf der Brücke stehen? Wegen der Aussicht. Es gibt kaum einen besseren Ort, um die Kontraste dieser Stadt zu begreifen. Blickst du nach Westen, schiebt sich die Skyline ins Bild. Die Türme der Banken ragen wie gläserne Finger in den Himmel, kühl und arrogant. Ganz markant der Commerzbank-Tower mit seinem gelblichen Licht bei Nacht oder der Main Tower mit seiner runden Fassade. Davor, am Ufer, die gepflegten Grünanlagen des Nizza-Ufers. Drehst du den Kopf nach Osten, siehst du die Baustelle der Europäischen Zentralbank im Ostend (okay, mittlerweile fertig, aber gefühlt wird in Frankfurt ja immer gebaut) und die alte Flößerbrücke.

Der spannendste Blick geht aber zurück Richtung Altstadt. Von hier aus sieht man den Dom St. Bartholomäus in seiner ganzen roten Sandstein-Pracht, wie er über den rekonstruierten Dächern der neuen Altstadt thront. Es ist dieses Nebeneinander von Mittelalter (oder zumindest dessen Rekonstruktion) und Hyper-Moderne, das Frankfurt so einzigartig macht. Hier oben auf dem Steg, durchgeschüttelt vom Wind, fügt sich das alles zu einem stimmigen Bild zusammen. Besonders am Abend, wenn die Bürolichter in den Hochhäusern angehen und sich im Wasser spiegeln, entfaltet der Ort eine fast magische Wirkung.

Drüben in Dribbdebach

Das Überqueren des Eisernen Stegs ist auch ein ritueller Akt. Man verlässt das geschäftige, bankenlastige Zentrum und betritt Sachsenhausen. Sobald die Füße wieder festen Boden auf der Südseite berühren, ändert sich die Atmosphäre. Hier beginnt das Museumsufer. Direkt zur Linken und Rechten reihen sich Institutionen wie Perlen an einer Schnur: das Städel Museum, das Filmmuseum, das Museum für Kommunikation. Der Steg spuckt dich quasi direkt in die Kulturmeile aus.

Aber Sachsenhausen ist mehr als nur Museum. Wer vom Brückenkopf einfach geradeaus weiterläuft, landet in den engen Gassen von Alt-Sachsenhausen. Klappergasse, Große Rittergasse. Hier regiert der Bembel. Es ist das Viertel der Apfelweinkneipen, auch wenn sich mittlerweile viele Shisha-Bars und billige Studentenkneipen dazwischengemischt haben. Trotzdem: Der Weg über den Steg ist das Vorspiel für einen Abend mit "Rippche mit Kraut" und einem "Schoppen". Es fühlt sich an wie ein kleiner Kurzurlaub in einer anderen Stadt, weg vom Business, hin zur Gemütlichkeit. Wobei man ehrlich sein muss: An Wochenenden ist Alt-Sachsenhausen eher Ballermann als Beschaulichkeit.

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