Wenn du vom Paulsplatz kommst und um die Ecke biegst, trifft es dich fast unvorbereitet. Eben noch standen da graue Nachkriegsbauten und die nüchterne Fassade der Paulskirche, und plötzlich stehst du mitten in einem Bild, das eigentlich in ein Märchenbuch gehört. Oder in einen Disney-Film. Der Römerberg ist Frankfurts "Gudd Stubb", die gute Stube, in der man Gäste empfängt und sich von seiner besten Seite zeigt. Aber er ist auch ein Ort, an dem man sich wunderbar streiten kann. Ist das hier echt? Ist das Kitsch? Die Antwort ist kompliziert.
Man muss ehrlich sein. Was du hier siehst, diese malerische Ostzeile mit den klangvollen Namen wie "Wilder Mann" oder "Großer Engel", das ist streng genommen ein Neubau. Im März 1944 hagelte es Brandbomben auf die größte zusammenhängende Fachwerk-Altstadt Deutschlands. Übrig blieb Schutt, Asche und ein paar verkohlte Steinmauern. Jahrzehntelang war hier eine Brachfläche, später ein Loch, dann eine Diskussion. Erst in den 1980er Jahren entschied man sich, die "Samstagsberg" genannte Zeile historisch getreu wiederaufzubauen. Das macht den Ort für Architektur-Puristen manchmal schwierig, aber für das Herz der Frankfurter unverzichtbar. Es fühlt sich einfach richtig an. Wenn die Sonne am späten Nachmittag auf das Fachwerk trifft und die Schieferplatten glänzen, fragt niemand mehr nach dem Baujahr.
Kurz & Kompakt - Beste Zeit: Früh morgens vor 10 Uhr für Fotos ohne Menschenmassen oder zur "Blauen Stunde" am Abend, wenn die Gaslaternen angehen.
- Der Balkon: Er ist für die Öffentlichkeit meistens gesperrt, aber man kann den Kaisersaal besichtigen (Eingang seitlich im Innenhof, Öffnungszeiten beachten, oft wegen Empfängen geschlossen).
- Essen & Trinken: Direkt auf dem Platz ist es teuer ("Touristen-Aufschlag"). Besser: Ein paar Meter weiter in die "Neue Altstadt" zum Hühnermarkt oder Richtung Braubachstraße gehen.
- Toiletten-Tipp: Die öffentlichen Toiletten unter dem Platz sind okay, aber oft voll. Alternativ: Die sauberen Anlagen in der Schirn Kunsthalle oder im Paulskirchen-Foyer nutzen.
Der Römer: Drei Häuser, ein Rathaus
Auf der anderen Seite, gegenüber der Fachwerk-Zeile, steht der namensgebende Römer. Viele denken, das sei ein einziges Gebäude. Tatsächlich ist es ein ganzer Komplex aus ursprünglich drei separaten Häusern, die der Rat der Stadt im 15. Jahrhundert kaufte. Das mittlere Haus ist der eigentliche "Römer". Warum das so heißt? Da scheiden sich die Geister. Vielleicht, weil der Vorbesitzer Geschäfte mit Rom machte. Oder weil es dort so vornehm zuging.
Die Treppengiebelfassade ist das Wahrzeichen der Stadt, noch vor dem Messeturm oder dem "Gerippten" (dem Westhafen-Tower). Hier oben auf dem Balkon standen sie alle. Frisch gekrönte Kaiser, die deutsche Fußballnationalmannschaft, die Eintracht nach dem Pokalsieg. Wenn du davor stehst, wirkt der Balkon übrigens überraschend klein. Fernsehkameras verzerren die Dimensionen gewaltig. Es lohnt sich, den Blick etwas schweifen zu lassen. Links und rechts sieht man Spuren verschiedener Jahrhunderte, Umbauten, Anpassungen. Der Römer ist kein Museumsstück, in dem die Zeit stillsteht, sondern ein arbeitendes Rathaus. Hier wird regiert, geheiratet und "gebabbelt".
Gerechtigkeit mit offenen Augen
Mitten auf dem Platz steht sie und guckt streng: Justitia. Der Gerechtigkeitsbrunnen ist der Mittelpunkt des Platzes und ein beliebter Treffpunkt für Touristen, die versuchen, das perfekte Selfie ohne fremde Köpfe im Hintergrund zu schießen. Ein fast unmögliches Unterfangen. Schau dir die Dame mal genauer an. Fällt dir was auf? Sie trägt keine Augenbinde. Anders als ihre Kolleginnen in anderen Städten richtet die Frankfurter Justitia nicht "blind", sondern mit offenem Blick. Die Frankfurter waren schon immer der Meinung, dass man bei der Gerechtigkeit genau hinschauen muss. Oder vielleicht wollten sie einfach sichergehen, dass die Waage stimmt.
Früher, bei den Kaiserkrönungen, passierte hier etwas, wovon man heute nur träumen kann: Aus dem Brunnen floss Wein statt Wasser. Rotwein und Weißwein für das Volk, während die Oberschicht im Kaisersaal prass-te. Heute fließt hier nur Wasser, aber der Gedanke an ein öffentliches Wein-Buffet hat schon seinen Charme. Die Stufen des Brunnens sind im Sommer oft voll besetzt. Man sitzt da, isst ein Eis, beobachtet das Treiben. Es ist laut, es ist wuselig, und man hört gefühlt zwanzig Sprachen gleichzeitig.
Die Neue Altstadt: Mehr als nur Kulisse
Lange Zeit hörte der "historische" Teil Frankfurts hinter der Ostzeile abrupt auf. Da stand ein monströses Technisches Rathaus aus Beton, das den Charme eines Bunkers versprühte. Das ist weg. Zum Glück. Seit ein paar Jahren schließt sich nun die "Neue Altstadt" an, das Dom-Römer-Areal. Auch hier gab es viel Kritik. "Disneyland" schrien die einen, "Heilung der Wunden" die anderen.
Geh mal durch. Vom Römerberg aus, vorbei am Haus "Goldene Waage". Du wirst merken, dass die Kritik verstummt, sobald man durch die Gassen schlendert. Es ist eng, verwinkelt, genau so, wie eine Altstadt sein sollte. Man hat alte Spolien verbaut, also originale Steine und Bauteile, die aus dem Trümberschutt gerettet wurden. Es riecht hier nach Kaffee und teurer Seife aus den kleinen Boutiquen, nicht nach altem Moder. Das ist der Unterschied zu einer "echten" alten Stadt. Alles wirkt poliert. Aber es lebt. Die Frankfurter haben diesen Teil ihrer Stadt sofort wieder in Besitz genommen. Besonders schön ist der Hühnermarkt mit dem Stoltze-Brunnen. Friedrich Stoltze, ein lokaler Mundartdichter und Satiriker, schaut milde auf das Treiben herab. Sein Kopf glänzt oft in der Sonne.
Der versteckte Wächter: Die Alte Nikolaikirche
Südlich auf dem Römerberg steht die Alte Nikolaikirche. Sie wird oft übersehen oder nur als hübscher Hintergrund wahrgenommen, weil der riesige Kaiserdom im Hintergrund alle Blicke auf sich zieht. Ein Fehler. Die kleine Kirche hat es in sich. Sie ist evangelisch, was im katholisch geprägten Krönungsweg der Kaiser schon eine kleine Provokation war. Das markante rote Sandsteingemäuer wirkt warm und einladend.
Wenn du Glück (oder Pech, je nach Lärmempfindlichkeit) hast, hörst du das Glockenspiel. Es bimmelt mehrmals täglich Volkslieder über den Platz. Um 9 Uhr morgens, um 12 Uhr mittags und um 17 Uhr. Es hat etwas unfassbar Heimeliges, fast Dörfliches, wenn "Üb' immer Treu und Redlichkeit" über die Köpfe der asiatischen Reisegruppen und der gestressten Banker hinwegklingt. Manchmal bleibt man einfach stehen, mitten im Trubel, und hört zu. Für einen kurzen Moment wird die Hektik der Finanzmetropole dann ganz klein.
Steinernes Haus und kulturelle Schwergewichte
Gegenüber dem Römer, an der nördlichen Seite, steht ein Trutzburg-artiges Gebäude, das so gar nicht zum Fachwerk passen will. Das "Steinerne Haus". Auch das ist wiederaufgebaut, aber es zeigt, dass Frankfurt schon im Mittelalter nicht nur aus Holz gebaut war. Reiche Händler wollten ihre Ware feuerfest lagern. Heute ist dort der Frankfurter Kunstverein drin. Es ist dieser Kontrast, der den Römerberg spannend macht. Fachwerk hier, massiver Stein dort, und im Hintergrund blitzt die Glasfassade der Schirn Kunsthalle hervor.
Die Schirn, gleich hinter der Ostzeile, ist so ein typischer 80er-Jahre-Bau. Man liebt ihn oder man hasst ihn. Dazwischen gibt es wenig. Aber sie verbindet den Römerberg mit dem Kaiserdom. Der Weg durch die Rotunde der Schirn ist fast schon futuristisch und bricht die historische Illusion bewusst. Das ist gut so. Frankfurt ist keine Puppenstube. Frankfurt ist Brüche, Risse und Neuanfänge.