München

Die legendäre Isar-Floßfahrt: Mit Blasmusik und Bier von Wolfratshausen nach München

Nass wird man sowieso, ob von oben, von unten oder aus dem Maßkrug. Zwischen schmetternder Blasmusik und bayerischer Brotzeit offenbart sich die Seele Münchens hier von ihrer lautesten Seite. Ein historischer Ritt auf wilden Wassern, der nichts für Ruhesuchende ist.

München  |  Aktivitäten & Erlebnisse
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Zwischenablage

Wer an einem sonnigen Samstagvormittag an der Isar im Süden von München steht, hört sie oft, lange bevor man sie sieht. Es dröhnt, es scheppert, und manchmal grölt es auch ein wenig unharmonisch durch das Flusstal. Die Rede ist von den Isarflößen, jenen schwimmenden Biergärten, die von Mai bis September zum Stadtbild gehören wie die Frauenkirche oder der grantelnde Kellner im Hofbräuhaus. Doch was heute als Inbegriff bayerischer "Gaudi" gilt, war über Jahrhunderte ein knochenharter Broterwerb. München, diese Stadt aus Ziegel und Holz, wäre ohne die Isar nicht das, was sie ist. Das Holz für die Dachstühle, der Kalk für den Mörtel, all das kam auf dem Wasserweg. Wer heute zusteigt, begibt sich also eigentlich auf eine historische Handelsroute, auch wenn die Ladung heute nicht mehr aus Baumaterial, sondern aus feierwütigen Ausflüglern und Hektolitern Bier besteht.

Die Tradition reicht weit zurück. Schon im Mittelalter nutzen die Menschen die Strömung, um Waren aus dem Oberland in die Residenzstadt und weiter bis nach Wien oder Budapest zu schaffen. Das ist der ernste Hintergrund, den man im Hinterkopf behalten sollte, wenn der Nebenmann gerade versucht, zu "Rosamunde" auf der Bierbank zu tanzen. Die Flößerei war lebensgefährlich. Heute ist die größte Gefahr wohl eher ein Sonnenbrand oder ein leichter Kater am nächsten Morgen. Dennoch schwingt ein Hauch von Abenteuer mit, wenn die rund 18 bis 20 Tonnen schweren Gefährte ablegen.

Kurz & Kompakt
  • Buchung & Saison: Die Saison läuft von Anfang Mai bis Mitte September. Einzelplätze sind extrem schwer zu bekommen, meist müssen ganze Flöße (bis zu 60 Personen) über Agenturen oder direkt bei den Flößereibetrieben reserviert werden – oft ein Jahr im Voraus!
  • Ausrüstung: Feste Schuhe sind Pflicht (Rutschgefahr auf nassen Stämmen). Kleidung im Zwiebelprinzip wählen und unbedingt Sonnenschutz sowie eine Kopfbedeckung mitnehmen. Wechselkleidung für die Ankunft in Thalkirchen ist ein Profi-Tipp.
  • Verpflegung: Ist im Preis fast immer inbegriffen (Bier, alkoholfreie Getränke, bayerische Brotzeit/Mittagessen). Toiletten befinden sich übrigens an Bord – wenn auch oft in sehr rustikaler Ausführung.
  • Rücktransport: Die Fahrt endet in München-Thalkirchen (U-Bahn-Nähe U3). Von dort muss man selbst die Heimreise antreten. Busse bringen die Gruppen oft morgens von München zum Start nach Wolfratshausen.

Der Start in Wolfratshausen: Wo die Stämme warten

Los geht der ganze Spaß meist in Wolfratshausen. Wer glaubt, man könne hier einfach spontan aufspringen, der irrt gewaltig. Die Plätze auf den Flößen sind begehrt, oft Monate im Voraus ausgebucht, und meistens chartert man gleich das ganze Gefährt für die Firma oder den Sportverein. Einzelplätze sind rar gesät. Wenn man es aber geschafft hat, ein Ticket zu ergattern, steht man morgens um neun an der Anlegestelle. Die Luft ist oft noch kühl, der Nebel hängt vielleicht noch in den Isarauen, aber die Stimmung ist meist schon auf Betriebstemperatur. Ein Geruch von frischem Fichtenholz liegt in der Luft, vermischt mit dem Duft von Leberkäs.

Interessant ist die Bauweise dieser Kolosse. Ein echtes Isarfloß ist kein festes Schiff, sondern ein flexibles Gebilde. Die Stämme werden nicht genagelt oder geschraubt. Das wäre zu starr für die Tücken des Flusses. Stattdessen werden sie mit Drahtseilen und Keilen verbunden. Früher nutzte man "Wieden", das sind gedrehte junge Fichtenstämmchen, um die Balken zusammenzuhalten. Diese Technik erlaubt es dem Floß, sich den Wellen anzupassen, sich quasi wie eine Schlange durch die Kurven zu winden. Man steht also auf einem lebendigen Untergrund. Das merkt man spätestens dann, wenn das Floß ablegt und die erste Strömung greift. Der Boden unter den Füßen arbeitet, das Wasser schwappt durch die Ritzen – gutes Schuhwerk ist hier übrigens Pflicht, Flip-Flops sind ein garantierter Weg, sich nasse Socken oder einen Splitter zu holen.

Die wilde Fahrt durch die Pupplinger Au

Kaum hat man Wolfratshausen verlassen, taucht man ein in eine der schönsten Flusslandschaften Mitteleuropas: die Pupplinger Au. Es ist ein Naturschutzgebiet von fast wilder Schönheit. Kiefernwälder säumen das Ufer, Kiesbänke leuchten hell in der Sonne. Hier zeigt sich die Isar von ihrer ursprünglichsten Seite. Das Wasser schimmert in diesem typischen, fast unwirklichen Türkisgrün, das man sonst nur von Gletscherseen kennt. Manchmal sieht man seltene Vögel auffliegen, wenn die Musik kurz Pause macht. Aber sind wir ehrlich: Pause macht die Musik selten.

An Bord ist fast immer eine Blaskapelle oder zumindest eine Band dabei. Das Repertoire ist berechenbar, aber effektiv. Von AC/DC auf der Tuba bis zum Zillertaler Hochzeitsmarsch ist alles dabei. Man muss das mögen. Wer Stille sucht, ist hier falsch. Es ist laut, es ist deftig. Man sitzt dicht an dicht an langen Biertischen. Serviert wird bayerische Hausmannskost: Grillfleisch, Würstl, Kartoffelsalat. Und Bier. Viel Bier. Das wird frisch vom Fass gezapft, und es schmeckt in der freien Natur tatsächlich anders als im stickigen Wirtshaus. Süffiger irgendwie. Vielleicht liegt es an der frischen Luft, vielleicht an der Gruppendynamik.

Höhepunkt mit Gänsehaut: Die Floßrutschen

Das eigentliche Highlight der Strecke sind die Wehre. Die Isar ist ja kein reißender Wildfluss mehr, sondern durch Kraftwerke und Wehre reguliert. Für die Flöße bedeutet das: Sie müssen Höhenunterschiede überwinden. Dafür gibt es die sogenannten Floßgassen oder Rutschen. Wenn der Flößer, der vorne am Steuer steht und mit wuchtigen Ruderschlägen die Richtung vorgibt, das Kommando gibt, sollten alle ihre Siebensachen festhalten. Das Floß steuert auf die Kante zu, kippt nach vorne und schießt dann mit einer beachtlichen Geschwindigkeit die Rutsche hinunter.

Die längste dieser Rutschen befindet sich im Mühltal. Über 300 Meter lang ist die Gasse, und das Gefälle sorgt für ordentlich Speed. Unten taucht der Bug tief ins Wasser ein. Eine riesige Fontäne spritzt auf, und wer in den ersten Reihen sitzt, ist danach klatschnass. Es gibt kein Entkommen. Das Wasser ist kalt, selbst im Hochsommer. Es ist dieser Moment, in dem das Gekreische an Bord am lautesten ist, eine Mischung aus Schreck und Euphorie. Das Wasser der Isar und des Loisach-Isar-Kanals schwappt über die Planken, läuft in die Schuhe, durchnässt die Hosen. Trocken bleibt hier keiner, das gehört zum guten Ton.

Besonders spannend ist dabei die Beobachtung der Flößer selbst. Das sind keine Animateure, sondern gestandene Handwerker, oft aus alten Flößerfamilien wie den Seitners oder Angermeiers. Sie kennen jeden Stein im Flussbett. Mit langen Stangen staken sie das schwere Gefährt, korrigieren den Kurs mit minimalen Bewegungen. Es sieht leicht aus, ist aber Schwerstarbeit. Respekt ist angebracht. Wenn der Flößer "Kopf einziehen" brüllt, weil ein Ast tief hängt, dann zieht man den Kopf ein. Diskussionen gibt es nicht.

Der Georgenstein und die urbane Ankunft

Ein mythischer Punkt auf der Reise ist der Georgenstein. Ein riesiger Felsblock, der mitten im Flussbett liegt, kurz vor Baierbrunn. Die Legende sagt, der Heilige Georg habe ihn dem Teufel nachgeworfen, aber knapp verfehlt. Für die Flößer ist er ein Nadelöhr. Die Strömung drückt genau auf den Felsen zu. Hier zeigt sich die Kunst des Steuermanns. Mit präzisen Manövern wird das Floß knapp daran vorbeigelenkt. Oft klatschen die Passagiere Beifall, wenn das Hindernis umschifft ist – meistens erleichtert, weil das nächste Bierfass noch heil ist.

Je näher man München kommt, desto mehr verändert sich die Szenerie. Die Ufer werden belebter. An den Kiesbänken liegen im Sommer Tausende von Sonnenanbetern, oft hüllenlos, wie es in München Tradition ist. Die Interaktion zwischen Floß und Ufer ist ein eigenes Schauspiel. Man winkt sich zu, man prostet sich zu. Manchmal schwimmen Mutige ein Stück neben dem Floß her. Man fühlt sich ein bisschen wie auf einem Triumphzug, der langsam in die Stadt einrollt. Die Villen von Grünwald thronen hoch oben am Hang, die Großstadt kündigt sich an.

Endstation Thalkirchen: Das Finale

Nach gut sechs bis sieben Stunden, je nach Wasserstand und Laune der Strömung, erreicht man die Floßlände in Thalkirchen, direkt beim Campingplatz und unweit des Tierparks Hellabrunn. Die Musik spielt ein letztes Lied, meistens etwas Melancholisches oder "In München steht ein Hofbräuhaus" zum fünfzigsten Mal. Das Anlegen ist noch einmal ein Kraftakt. Das Floß wird vertäut, die Passagiere wanken an Land. Manch einer schwankt nicht nur wegen des Seegangs, sondern wegen des Augustiner-Edelstoffs.

Was hier passiert, ist faszinierend und ein wenig traurig zugleich: Das Floß wird sofort zerlegt. Es fährt nicht zurück. Die Stämme werden per Kran auf Lkws verladen und in die Sägewerke gebracht, wo sie zu Brettern verarbeitet werden. Jedes Floß ist ein Unikat, gebaut für eine einzige Fahrt. Das macht das Erlebnis so vergänglich. Man ist auf etwas gefahren, das morgen schon ein Dachstuhl oder eine Parkbank sein wird.

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