Hamburg

Friedhof Ohlsdorf: Der größte Parkfriedhof als Ort der Ruhe, Kultur und Gartenkunst

Hier atmet die Stadt ganz langsam durch und zeigt ihre ruhige Seite. Auf fast 400 Hektar wartet kein düsterer Ort auf dich, sondern pralles Leben zwischen alten Bäumen und Kulturgeschichte.

Hamburg  |  Highlights & Stadtviertel
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Zwischenablage

Es ist ein seltsames Gefühl, wenn du am Bahnhof Ohlsdorf aus der S-Bahn steigst und plötzlich vor diesem monumentalen Backsteintor stehst. Drinnen, hinter den Mauern, liegt nicht einfach nur ein Friedhof. Das wäre eine Untertreibung, die dem Ort nicht gerecht wird. Was sich hier auf 389 Hektar erstreckt, ist der größte Parkfriedhof der Welt. Diese Zahl muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Das Areal ist größer als der Central Park in New York oder der Hyde Park in London. Wenn du hier reingehst, verlässt du Hamburg nicht, aber du betrittst eine völlig andere Version der Hansestadt. Eine, in der die Uhren langsamer ticken und der Lärm der Fuhlsbüttler Straße augenblicklich von dichtem Blattwerk geschluckt wird.

Wilhelm Cordes, der erste Friedhofsdirektor, hatte Ende des 19. Jahrhunderts eine Vision, die bis heute trägt. Er wollte keinen Ort des Schreckens schaffen, keine geometrisch angelegten Reihengräber, die an militärische Strenge erinnern. Sein Ziel war ein romantischer Landschaftsgarten nach englischem Vorbild. Und genau das spürst du sofort. Die Wege sind geschwungen, führen um kleine Teiche, über Brücken und vorbei an Baumgruppen, die so platziert wirken, als stünden sie schon seit Ewigkeiten genau dort. Nichts ist hier zufällig, und doch wirkt alles so natürlich gewachsen. Es riecht nach feuchter Erde, nach Moos und, je nach Jahreszeit, intensiv nach Blüten. Wer hierherkommt, sucht oft gar kein bestimmtes Grab. Viele Jogger, Radfahrer und Spaziergänger nutzen das Gelände schlicht als Naherholungsgebiet. Das mag pietätlos klingen, ist aber in Ohlsdorf völlig normal. Leben und Tod liegen hier so dicht beieinander wie nirgendwo sonst in der Stadt.

Kurz & Kompakt
  • Hinkommen & Rumkommen: Am besten mit der S1 oder U1 bis "Ohlsdorf". Von dort fahren die Buslinien 170 und 270 quer durch den Friedhof (Ringlinien). Wer mit dem Auto muss: Es gibt kostenpflichtige Einfahrtsgenehmigungen, aber zu Fuß oder mit dem Rad ist es schöner.
  • Öffnungszeiten: Der Friedhof ist täglich geöffnet. Im Sommer (April bis Oktober) meist von 8 bis 21 Uhr, im Winter (November bis März) nur bis 18 Uhr. Achtung bei den Nebeneingängen, die schließen manchmal früher.
  • App & Orientierung: Die kostenlose App "Friedhof Ohlsdorf" bietet verschiedene Themenrouten (z.B. Prominente, Natur, Skulpturen) und eine Navigationsfunktion. Unbedingt nutzen, sonst verläuft man sich garantiert.
  • Museum: Das Museum im Verwaltungsgebäude am Haupteingang hat eingeschränkte Öffnungszeiten (oft montags, donnerstags und sonntags), der Eintritt ist frei.

Orientierung im Labyrinth

Du solltest dir am Eingang unbedingt einen Plan besorgen oder die App des Friedhofs runterladen. Ohne Karte bist du hier ziemlich sicher verloren. Das Straßennetz auf dem Friedhof umfasst rund 17 Kilometer. Es fahren sogar zwei eigene Buslinien der HVV, die Nummern 170 und 270, quer über das Gelände. Das ist kein Witz. Die Busse halten an Stationen mit Namen wie "Kapelle 4" oder "Schwanenwik". Wer gut zu Fuß ist, sollte den Bus aber ignorieren und sich einfach treiben lassen. Es hat etwas Beruhigendes, sich in diesem Labyrinth aus Grün zu verlieren. Manchmal stehst du vor einer der zwölf Kapellen, die architektonisch irgendwo zwischen Neogotik und Backsteinexpressionismus angesiedelt sind. Jede sieht anders aus, jede hat ihren eigenen Charakter.

Besonders der ältere Teil des Friedhofs, der sogenannte Cordes-Teil im Westen, ist landschaftlich der reizvollere. Hier stehen die alten Bäume, hier findest du die Engelsskulpturen, deren Stein schon grün angelaufen ist und deren Gesichter vom Regen der letzten hundert Jahre weichgewaschen wurden. Weiter östlich, im neueren Linne-Teil, wird die Struktur etwas geradliniger, funktionaler, aber keineswegs hässlich. Es ist nur eine andere Auffassung von Ordnung. Wenn du mit dem Auto reinfahren willst, kannst du das gegen eine Gebühr tun, aber mal ehrlich: Der Motorenlärm stört. Die Ruhe ist das eigentliche Kapital dieses Ortes.

Prominenz unter dem Rasen

Natürlich pilgern viele Besucher zu den Gräbern der Hamburger Prominenz. Ohlsdorf ist das Who-is-Who der Stadtgeschichte, nur eben in waagerechter Position. Da wäre zum Beispiel Hans Albers. Der "Blonde Hans" liegt hier, und mancher Besucher summt leise vor sich hin, wenn er vor dem Grabstein steht. Auch Helmut Schmidt und seine Frau Loki haben hier ihre letzte Ruhestätte gefunden. Ihr Grab ist hanseatisch schlicht, fast unscheinbar, oft geschmückt mit einer Menthol-Zigarette, die irgendein Besucher als stillen Gruß hinterlassen hat. Es sind diese kleinen Gesten, die den Ort so menschlich machen. James Last, der Erfinder des "Happy Sound", liegt hier ebenso wie der Komiker Heinz Erhardt. Dessen Grabstein ist übrigens oft von kleinen Blumensträußen umringt. Es ist ein büschen wie ein Spaziergang durch ein Geschichtsbuch, nur dass du die Kapitel selbst ablaufen musst.

Aber es sind nicht nur die Promis, die berühren. Manchmal bleibst du vor einem verwitterten Stein stehen, liest einen Namen, ein Datum aus dem 19. Jahrhundert und fragst dich, wer dieser Mensch wohl war. Ein Reeder? Ein Kaffeebaron? Oder eine einfache Magd? Die Mausoleen der reichen Hamburger Kaufmannsfamilien sind kleine Paläste für die Ewigkeit. Sie erzählen vom Reichtum der Stadt, vom Stolz der Pfeffersäcke, die selbst im Tod noch zeigen wollten, was sie hatten. Manche Türen stehen einen Spalt offen, erlauben einen Blick ins Halbdunkel, auf Mosaike oder verstaubte Bänke. Ein Schauer läuft einem da nicht zwingend über den Rücken, eher eine melancholische Faszination.

Ein Garten der Frauen

Ein ganz spezieller Ort, den du nicht verpassen solltest, ist der "Garten der Frauen". Lange Zeit wurden die Leistungen von Frauen in der Hamburger Geschichte übersehen oder vergessen. Hier hat ein Verein Abhilfe geschaffen. Alte Grabsteine bedeutender Frauen, deren Nutzungsrechte abgelaufen waren und die sonst geschreddert worden wären, wurden hierher umgebettet. Es ist eine Art Freiluftmuseum der weiblichen Emanzipation. Du findest hier Steine von Künstlerinnen, Politikerinnen und Frauenrechtlerinnen, die Hamburg geprägt haben. Eine spiralförmige Anlage aus Sandsteinplatten erinnert an jene Frauen, deren Namen niemand mehr kennt. Es ist ein Ort, der Kraft ausstrahlt und nachdenklich macht, ohne dabei den moralischen Zeigefinger zu heben. Hier wird Geschichte korrigiert, ganz still und leise.

Wenn die Rhododendren blühen

Es gibt eine Zeit im Jahr, da platzt der Friedhof Ohlsdorf aus allen Nähten. Ende Mai bis Anfang Juni, wenn die Rhododendren blühen. Das ist hier kein einfaches Blühen, das ist eine Explosion. Cordes war ein Fan dieser Pflanzen, und heute stehen hier tausende Büsche, die das Dunkelgrün der Bäume mit leuchtendem Violett, Rot, Weiß und Pink durchbrechen. Reisebusse karren dann Senioren aus dem Umland heran, und auf den Hauptwegen kann es fast schon wuselig werden wie auf dem Jungfernstieg. Aber keine Sorge, das Gelände ist so weitläufig, dass du immer noch eine ruhige Ecke findest, wenn du nur zwei, drei Mal abbiegst.

Abseits der Blütezeit ist die Natur nicht weniger beeindruckend. Der Friedhof ist ein Rückzugsort für Tiere, die in der Innenstadt keinen Platz mehr finden. Wenn du Glück hast, siehst du einen Eisvogel über das Wasser flitzen oder hörst nachts den Ruf des Uhus. Der Ohlsdorfer Friedhof ist nämlich auch eines der bedeutendsten Brutgebiete für Greifvögel in der Stadt. Manchmal raschelt es im Unterholz, und du denkst an Geister, dabei ist es nur ein Eichhörnchen oder ein Fuchs, der hier sein Revier kontrolliert. Die Natur holt sich ihren Raum zurück, umschlingt die alten Steine mit Efeu und Farn.

Kultur und Gedenken

Ohlsdorf ist aber auch ein Ort der Mahnung. Die Gedenkstätte für die Opfer des Nationalsozialismus und der Widerstandskämpfer ist architektonisch streng und bedrückend. Die Urne mit Asche aus dem KZ Auschwitz unter dem Mahnmal lässt einen kurz innehalten. Ebenso das Bombenopfer-Denkmal, das an die verheerenden Luftangriffe der "Operation Gomorrha" erinnert, bei denen Zehntausende Hamburger starben. Das Massengrab in Kreuzform ist riesig und führt einem die Dimension dieses Schreckens erst richtig vor Augen. Es ist wichtig, dass diese Orte Teil des Parks sind. Sie erden den Besucher. Sie zeigen, dass Frieden keine Selbstverständlichkeit ist. Der Kontrast zwischen den idyllischen Teichen und diesen Orten des kollektiven Schmerzes könnte größer nicht sein, und doch gehört beides zusammen.

Interessant ist auch das Forum Ohlsdorf am Haupteingang. Wer tiefer in die Materie einsteigen will, findet hier ein kleines Museum. Es ist keine dieser verstaubten Heimatstuben, sondern ziemlich gut kuratiert. Du erfährst viel über die Bestattungskultur im Wandel der Zeit. Denn auch das Sterben ändert sich. Urnenwände und Friedwälder sind heute gefragter als die pompösen Familiengräber von einst. Der Friedhof muss sich anpassen, muss wirtschaften. Das klingt nüchtern, ist aber die Realität.

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