Düsseldorf

Tonhalle: Das Planetarium der Musik – Konzerte unter der Sternenkuppel

Das Rheinufer hat viele Gesichter, aber keines glänzt so metallisch-blau wie die Kuppel der Tonhalle. Wer hier reingeht, sucht nicht nur den perfekten Akkord, sondern auch ein bisschen Unendlichkeit. Ein ehemaliges Planetarium, das heute als einer der besten Konzertsäle Deutschlands gilt.

Düsseldorf  |  Kultur & Unterhaltung
Lesezeit: ca. 6 Min.
Kommentare
Teilen
Facebook
Pocket
E-Mail
0
Kommentare
Facebook
Pocket
E-Mail
Zwischenablage

Wenn man vom Ehrenhof Richtung Fluss schlendert, fällt der Blick unweigerlich auf diesen massiven Backsteinbau, der so gar nicht in das Schema klassischer Opernhäuser passen will. Die Tonhalle ist ein Solitär. Ursprünglich wurde das Gebäude 1926 von Wilhelm Kreis als Planetarium errichtet, was die markante halbkugelförmige Gestalt erklärt. In der NS-Zeit zweckentfremdet und im Krieg schwer beschädigt, stand die Ruine lange Zeit als Mahnmal und Provisorium herum. Erst in den siebziger Jahren kam die Stadt auf die glorreiche Idee, aus dem Sternengucker-Tempel eine Heimstätte für die Düsseldorfer Symphoniker zu machen. Das Ergebnis ist ein Bauwerk, das von außen wie eine Trutzburg wirkt, innen aber eine fast sakrale Leichtigkeit ausstrahlt.

Der Kontrast könnte kaum größer sein. Man tritt durch die eher schlichten Eingangsbereiche und findet sich plötzlich in einem Foyer wieder, das mit seinen verwinkelten Gängen und der sanften Beleuchtung eine ganz eigene Atmosphäre schafft. Es riecht hier nach einer Mischung aus altem Parkett, teurem Parfüm und der Vorfreude, die man fast mit Händen greifen kann. Die Architektur zwingt einen förmlich dazu, den Kopf in den Nacken zu legen. Überall finden sich Details, die an die expressionistische Herkunft erinnern. Das ist kein Ort für Steifheit, auch wenn hier Weltklasse-Musiker ein und aus gehen. Die Düsseldorfer nennen ihre Tonhalle liebevoll "Planetarium der Musik", und dieser Name ist Programm.

Kurz & Kompakt
  • Tickets: Wer sparen will, schaut nach Restkarten an der Abendkasse oder nutzt die Last-Minute-Angebote für Studenten. Manchmal gibt es auch Stehplatzkarten, die unschlagbar günstig sind, wenn man die Beine dafür hat.
  • Anfahrt: Die U-Bahn-Station "Tonhalle/Ehrenhof" spuckt dich quasi direkt vor dem Portal aus. Parken in der Nähe ist hingegen ein ziemlicher Krampf und meistens teuer. Das Fahrrad ist am Rhein eh die bessere Wahl.
  • Dresscode: Von der Abendrobe bis zur ordentlichen Jeans ist alles dabei. Düsseldorf putzt sich zwar gerne heraus, aber man wird nicht schräg angeguckt, wenn man bodenständig bleibt. Sauber sollte es halt sein.
  • Gastronomie: In den Pausen ist es im Foyer oft eng. Wer schlau ist, bestellt seine Getränke schon vor dem Konzert für die Pause vor. Dann steht das Glas mit dem Namen bereit und man muss nicht die kostbaren 20 Minuten in der Schlange verbringen.

Unter dem funkelnden Firmament

Der eigentliche Clou offenbart sich erst im großen Saal. Wer hier das erste Mal Platz nimmt, starrt meistens erst einmal nach oben. Die riesige Kuppel ist nicht einfach nur eine Decke, sondern ein Kunstwerk für sich. Der Architekt Helmut Hentrich hat bei der Umgestaltung in den siebziger Jahren ganze Arbeit geleistet. In der Mitte hängt ein gewaltiger Leuchter aus Glasspiegeln, der das Licht in tausend Richtungen bricht. Wenn das Licht langsam gedimmt wird und das Orchester anfängt zu stimmen, fühlt man sich wie in einer Raumstation kurz vor dem Abheben. Es ist dieses tiefe Blau der Decke, das einen komplett aus dem Alltag reißt. Man vergisst schlichtweg, dass man sich mitten in einer wuseligen Metropole befindet.

Interessant ist dabei die Akustik, die lange Zeit als Sorgenkind galt. Eine hohle Kugel ist nämlich so ziemlich das Schlimmste, was man einem Tontechniker oder einem Dirigenten antun kann. Der Schall bündelt sich in der Mitte wie in einem Brennglas, was dazu führt, dass man hinten nichts hört und vorne fast taub wird. Doch durch geschickte Einbauten, spezielle Schallsegel und eine Überarbeitung im Jahr 2005 hat man das Biest gezähmt. Heute ist der Klang präzise, warm und unheimlich direkt. Man hört das Umblättern der Notenblätter auf der Bühne fast genauso deutlich wie den massiven Einsatz der Pauken. Es ist ein sehr ehrlicher Sound, der keine Fehler verzeiht. Man kriegt hier die volle Breitseite Musik ab, ohne dass es matschig wird.

Die Düsseldorfer Symphoniker und der Spirit

Das Herzstück des Hauses ist ohne Zweifel das Orchester. Die Düsseldorfer Symphoniker sind ein eingeschworener Haufen, der sich nicht zu schade ist, auch mal ungewöhnliche Wege zu gehen. Unter dem langjährigen Intendanten Michael Becker hat sich die Tonhalle zu einem Ort entwickelt, der Berührungsängste abbauen will. Hier gibt es Formate wie "Ignite", bei denen zwischendurch moderiert wird oder die Musiker auch mal aus dem Nähkästchen plaudern. Das nimmt der Klassik diesen oft so anstrengenden Elitismus. Man darf hier auch mal in Jeans auftauchen, ohne dass die ältere Dame in der Pelzstola direkt Schnappatmung bekommt. Der rheinische Frohsinn macht eben auch vor dem Konzertsaal nicht halt.

Besonders lebendig geht es bei den Jugendkonzerten oder den "Sternschnuppen" für die ganz Kleinen zu. Da wuselt es im Foyer, Kinder rennen mit leuchtenden Augen herum und man merkt, dass Musik hier als lebendiges Erbe begriffen wird. Wer Glück hat, erwischt eine Probe, bei der man den Musikern mal so richtig über die Schulter schauen kann. Die Konzentration im Saal ist dann fast körperlich spürbar. Es ist dieser Moment, wenn der Dirigent den Taktstock hebt und absolute Stille einkehrt, die nur durch das leise Lüftungssummen unterbrochen wird. Da hält man unwillkürlich die Luft an. Das ist Gänsehaut pur, egal ob man nun Experte für Mahler ist oder einfach nur mal gucken will.

Ein Glas Wein mit Blick auf den Rhein

Nach dem Konzert strömt alles nach draußen. Die Architektur des Hauses erlaubt es, dass man auf der Terrasse oder im Bereich vor der Halle wunderbar flanieren kann. Der Blick auf das nächtliche Rheinknie, die vorbeiziehenden Lastkähne und die Lichter der Oberkasseler Brücke ist ein Klassiker für sich. Es gehört zum guten Ton, den Abend bei einem Kaltgetränk Revue passieren zu lassen. Man diskutiert über die Interpretation des Solisten oder lästert ein bisschen über die Akustik im hinteren Block – das gehört in Düsseldorf einfach dazu. Die Stimmung ist meistens gelöst, ein typisches "Schau-mal-wer-da-ist", ohne dabei zu verkrampft zu wirken.

Wer es etwas uriger mag, läuft die paar Meter rüber in die Altstadt. Da prallen dann Welten aufeinander. Eben noch die Hochkultur unter der Sternenkuppel, fünf Minuten später steht man im Uerige oder im Füchschen und bestellt sich ein Altbier. Genau diese Mischung macht den Reiz aus. Die Tonhalle ist kein Elfenbeinturm, sondern fest im Stadtleben verankert. Sie ist das kulturelle Wohnzimmer der Stadt, in dem man sich zwar schick macht, aber trotzdem man selbst bleiben darf. Manchmal hat man das Gefühl, die Gebäude atmen mit den Besuchern mit. Wenn die Menge aus dem Saal quillt, wirkt das Haus fast erleichtert, seine Schätze für diesen Abend geteilt zu haben.

Praktisches und Kurioses am Rande

Ein Besuch in der Tonhalle will gut geplant sein, vor allem wenn man bestimmte Plätze bevorzugt. Die Karten sind oft schnell weg, besonders wenn große Namen auf dem Programm stehen. Ein kleiner Geheimtipp sind die Plätze im Orchester-Podium hinter den Musikern. Man sitzt dort zwar direkt im Schallzentrum und sieht den Dirigenten von vorne, bekommt aber eine Perspektive, die man sonst nie hat. Man sieht das Schweißperlen auf der Stirn des Geigers und die nonverbale Kommunikation zwischen den Musikern. Das ist ein völlig anderes Erlebnis als die klassische Frontalbeschallung. Aber Vorsicht: Man sollte sich dort nicht unbedingt die Nase putzen, während der Solist gerade sein leisestes Piano spielt.

Schreibe einen Kommentar
Bitte anmelden, um einen Kommentar zu schreiben.
 
Du 

Bisher keine Kommentare
Entdecke mehr:
Nach oben scrollen