Berlin

Brutalismus in Berlin: Liebe auf den zweiten Blick (Mäusebunker, Bierpinsel & Co.)

Berlin tut manchmal in den Augen weh, und genau das macht den Reiz dieser Stadt aus. Wir nehmen dich mit zu den kolossalen Betonmonstern der Nachkriegszeit, die zwischen Faszination und Abneigung pendeln. Es wird grau, es wird wuchtig, und es wird überraschend emotional.

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Zwischenablage

Wenn du durch Berlin läufst, wirst du früher oder später vor einer Wand stehen. Nicht vor der historischen Mauer, sondern vor einer Wand aus reinem, unverputztem Beton. Grau, oft fleckig, manchmal bedrohlich hoch. Der erste Impuls ist oft Ablehnung. Das ist normal. Brutalismus ist Architektur, die nicht gefallen will, zumindest nicht auf die charmante Altbau-Weise mit Stuck und hohen Decken. Der Begriff leitet sich vom französischen "béton brut" ab, was schlicht "roher Beton" bedeutet. In Berlin, dieser Stadt der Brüche und Narben, hat dieser Baustil einen idealen Nährboden gefunden. Besonders in den 1960er und 70er Jahren tobten sich Architekten hier aus, als ob es kein Morgen gäbe. Sie wollten Ehrlichkeit im Material und Funktionalität im Entwurf. Heute wirken diese Bauten oft wie gestrandete Raumschiffe aus einer Zukunft, die so nie eingetreten ist.

Es lohnt sich, den Blickwinkel zu ändern. Statt "hässlich" könnte man "kompromisslos" sagen. Statt "kalt" vielleicht "skulptural". Wer sich darauf einlässt, entdeckt in den massiven Formen eine fast schon naive Technikgläubigkeit der Vergangenheit. Man riecht förmlich den Geist einer Zeit, in der man glaubte, gesellschaftliche Probleme durch gigantische Wohnmaschinen und futuristische Labore lösen zu können. Komm mit auf eine Tour, die garantiert nicht auf jeder Postkarte zu finden ist, aber tief in die Seele der geteilten Stadt blickt.

Kurz & Kompakt
  • Hinkommen & Gucken: Die meisten Gebäude (Mäusebunker, Bierpinsel, ICC) sind derzeit für die Öffentlichkeit im Inneren geschlossen. Der Blick von außen ist aber oft beeindruckender. Ausnahme: St. Agnes (König Galerie) ist zu den Öffnungszeiten frei zugänglich und ein absolutes Muss.
  • Foto-Tipp: Geh an einem bedeckten Tag hin. Klingt komisch, aber der graue Himmel verstärkt die dramatische Wirkung des Betons. Wenn die Sonne knallt, wirken die Strukturen oft flacher. Kontraste suchen (z. B. rotes Rohr vor grauer Wand).
  • Weiterführend: Wenn dich das Thema packt, besuche auch das Corbusierhaus am Olympiastadion (Typ: "Wohnmaschine") oder die Akademie der Künste am Hanseatenweg (Typ: "Edel-Brutalismus" mit Naturbezug).
  • Literatur: Es gibt mittlerweile tolle Architekturkarten ("Brutalist Berlin Map"), die man in gut sortierten Buchläden wie "Bücherbogen" am Savignyplatz findet. Perfekt für die eigene Tourplanung.

Steglitz: Wo die Monster wohnen

Wer nach Steglitz fährt, erwartet bürgerliche Ruhe und Einkaufsstraßen. Doch am Hindenburgdamm lauert etwas, das jedem Science-Fiction-Regisseur Tränen der Freude in die Augen treiben würde. Der "Mäusebunker". Schon der Name lässt einen erschaudern. Offiziell hieß das Ding mal Zentraltierlaboratorium der Freien Universität Berlin. Gerd Hänska hat diesen Klotz entworfen, und er hat keine Gefangenen gemacht. Das Gebäude sieht aus wie ein Kriegsschiff aus Star Wars, das versehentlich in einem Berliner Vorgarten notgelandet ist.

Die pyramidenförmigen Außenwände sind mit blauen Lüftungsrohren gespickt, die wie Kanonenrohre in den Himmel ragen. Die kleinen Fenster wirken wie Schießscharten. Es ist düster, es ist massiv, und bis vor kurzem drohte ihm der Abriss. Doch die Stimmung hat sich gedreht. Denkmalschützer und Architekturfans aus der ganzen Welt pilgerten hierher, um dieses Monstrum zu retten. Wenn du davor stehst, spürst du die Wucht der Architektur körperlich. Es ist keine Architektur für Menschen, das war sie nie, sondern für eine industrielle Funktion. Das macht sie so fremdartig. Interessant ist hier der Kontrast zur Umgebung: Ruhige Bäume, fast idyllisch, und mittendrin dieser Betonberg.

Nur einen Steinwurf entfernt, direkt an der Schloßstraße, steht der nächste Kandidat: der Bierpinsel. Er ist das poppige Gegenstück zum düsteren Mäusebunker. Ein Turm, der aussieht wie ein riesiger Pinsel oder ein Baum aus einer 70er-Jahre-Zeichentrickserie. Ursprünglich rot, heute eher bunt durch Streetart und Verwitterung, ragt er über die Stadtautobahn. Die Architekten Schüler und Schüler-Witte wollten hier Pop-Art bewohnbar machen. Früher gab es hier Restaurants und Discos, man trank Bier in den Wolken, während unten der Verkehr rauschte. Seit Jahren steht er leer, der Putz bröckelt, aber er bleibt ein Wahrzeichen für den West-Berliner Futurismus, der immer ein bisschen "drüber" war.

Kreuzberg: Gott im Beton

Brutalismus kann auch sakral sein, und wie. In Kreuzberg, etwas versteckt in der Alexandrinenstraße, steht die Kirche St. Agnes. Werner Düttmann, einer der wichtigsten Architekten der Nachkriegszeit, hat sie entworfen. Von außen ist es ein strenger Quader, abweisend fast. Der Turm klebt wie ein massiver Riegel am Hauptgebäude. Man könnte vorbeilaufen und denken, es sei ein Heizkraftwerk oder ein Lagerhaus.

Doch der Zauber passiert innen. Düttmann wusste genau, wie man mit Licht spielt. Wenn du den Raum betrittst, wirst du von einer unerwarteten Helligkeit empfangen, die durch Schlitze im Dach fällt. Heute wird hier nicht mehr gebetet, zumindest nicht im religiösen Sinne. Der Galerist Johann König hat den Raum übernommen und zeigt hier zeitgenössische Kunst. Es ist ein perfektes Beispiel dafür, wie diese spröden Bauten ein zweites Leben erhalten können. Die rauen Wände, an denen man noch die Maserung der Holzverschalung sieht, in die der flüssige Beton einst gegossen wurde, bilden einen grandiosen Hintergrund für moderne Installationen. Es riecht hier nicht muffig, sondern nach teurem Parfüm und intellektuellem Anspruch, gemischt mit der Kühle des Steins.

Westend: Das Raumschiff landet

Wenn du mit der S-Bahn den Ring fährst, siehst du es schon von weitem glitzern: das ICC (Internationales Congress Centrum). Es ist vielleicht das ultimative Bauwerk des West-Berliner Selbstbehauptungswillens. Ein gigantischer silberner Kasten, 320 Meter lang, direkt an der Autobahn und den Gleisen. Es wirkt wie eine Maschine, die nur kurz angehalten hat, um Passagiere aufzunehmen.

Ralf Schüler und Ursulina Schüler-Witte, die auch den Bierpinsel verbrochen haben (im positivsten Sinne), haben hier 1979 ihr Meisterstück abgeliefert. Die Ästhetik ist High-Tech-Architektur pur. Alles wirkt funktional, technisch, fast schon aggressiv modern. Orangefarbene Kacheln treffen auf Aluminium. Drinnen fühlt man sich wie am Set von "Raumpatrouille Orion". Teppichböden, die Schall schlucken, futuristische Sitzlandschaften, Leitsysteme in knalligen Farben. Das ICC steht seit Jahren weitgehend leer und kostet die Stadt ein Vermögen im Unterhalt. Aber abreißen? Undenkbar. Es gehört zu Berlin wie der Funkturm direkt daneben. Es ist ein Symbol für eine Zeit, als man dachte, man könnte die Zukunft einfach bauen. Ein Spaziergang um das ICC herum ist laut, es stinkt nach Abgasen, aber die schiere Masse des Gebäudes nötigt einem Respekt ab. Es ist laut, dreckig und großartig.

Mitte: Der schwebende Kubus

Auch der Osten hatte seinen Brutalismus, wenn auch oft mit einer etwas anderen Note. Ein herausragendes Beispiel ist die Tschechische Botschaft in der Wilhelmstraße in Mitte. Das Gebäude wurde in den späten 70ern von einem Architektenkollektiv um Věra Machoninová entworfen. Es fällt sofort auf, weil es den Boden kaum zu berühren scheint.

Der massive Baukörper schwebt förmlich über dem Erdgeschoss, getragen von einer Konstruktion, die man erst auf den zweiten Blick versteht. Die Fassade ist dunkel, dominiert von Glas und braunem Beton. Es wirkt elegant, aber auch streng und unnahbar, fast wie ein UFO, das in der streng reglementierten Wilhelmstraße gelandet ist. Hier zeigt sich, dass Brutalismus nicht immer nur grau sein muss. Die Materialwahl ist hochwertig, das Design fast schon skulptural. Im Inneren hat sich seit der Eröffnung kaum etwas verändert. Wer die Chance hat, bei einer Veranstaltung reinzukommen, sieht oranges Leder, Holzvertäfelungen und Lampen, die direkt aus einem Designmuseum stammen könnten. Es ist eine Zeitkapsel des sozialistischen Modernismus.

Wohnen in der Maschine: Das Pallasseum

Kommen wir zurück zum Wohnen. In Schöneberg steht ein Riegel, der die Geister scheidet wie kaum ein anderer: das Pallasseum, früher berüchtigt als "Sozialpalast". Es überspannt einen ganzen Hochbunker aus dem Zweiten Weltkrieg, den man nicht sprengen konnte, also hat man einfach darüber gebaut. Pragmatismus auf Berliner Art.

Jürgen Sawade entwarf diesen Betonkoloss in den 70ern. Die Idee war modernes, lichtdurchflutetes Wohnen für alle. Terrassenförmig angelegt, mit bunten Betonelementen. Doch lange Zeit galt das Haus als sozialer Brennpunkt. Die Satellitenschüsseln an den Balkonen wurden zum Symbol für eine gescheiterte Utopie. Heute wandelt sich das Bild langsam wieder. Die Wohnungen sind wegen ihrer Schnitte und der Aussicht begehrt. Wenn du unten im Heinrich-Lassen-Park stehst und nach oben schaust, fühlst du dich klein. Kinder schreien, Hunde bellen, aus einem Fenster dröhnt Musik. Das Pallasseum lebt. Es ist keine tote Skulptur, sondern ein vertikales Dorf. Man hat gelernt, mit dem Beton zu leben, ihn anzunehmen. Die Farben sind vielleicht etwas verblasst, der Beton hat Patina angesetzt, aber die Struktur steht unverwüstlich da.

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