Köln

Kölner Südstadt: Zwischen Kölsch, Kultur und rheinischem Savoir-vivre

Der Dom ist imposant, aber das echte Leben spielt sich woanders ab. In der Südstadt treffen studentische Lässigkeit und urkölsche Tradition mit einer Wucht aufeinander, die anderswo für Kopfschütteln sorgen würde. Hier unten am Rhein regiert das Herz, nicht die Uhr.

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Zwischenablage

Wer verstehen will, wie dieses Viertel tickt, muss sich zunächst einmal mitten in das Chaos stellen. Der Chlodwigplatz ist kein Ort der Stille. Straßenbahnen der KVB kreischen in den Kurven, Autos hupen sich den Weg durch den Kreisverkehr frei, und dazwischen wuseln Fußgänger, die grundsätzlich davon ausgehen, dass rot an der Ampel nur eine gut gemeinte Empfehlung ist. Vor der massiven Severinstorburg, einem Relikt der mittelalterlichen Stadtbefestigung, treffen sich alle. Punks mit Hunden, Rentner mit Einkaufstrolleys und Studenten, die gerade erst aufgestanden sind. Historisch gesehen markiert dieses Tor den Eingang zur Stadt von Süden her, direkt an der alten Römerstraße. Heute ist es eher der Ausgangspunkt für lange Nächte oder entspannte Nachmittage. Man spürt hier sofort eine gewisse Unruhe, die aber seltsamerweise niemanden stresst. Es ist ein Grundrauschen, das zur Südstadt gehört wie der Schaum aufs Kölsch.

Auffällig ist die Architektur rund um den Platz. Während im Krieg weite Teile Kölns dem Erdboden gleichgemacht wurden, hat die Südstadt vergleichsweise viel von ihrer Bausubstanz retten können. Gründerzeitfassaden mit Stuckverzierungen stehen hier Schulter an Schulter mit zweckmäßigen Nachkriegsbauten. Diese Unvollkommenheit macht den Charme aus. Du siehst Balkone, die vollgestellt sind mit Pflanzenkästen, Klappstühlen und manchmal auch einfach nur mit leeren Getränkekisten. Es wirkt gelebt, nicht ausgestellt.

Kurz & Kompakt
  • Anreise und Mobilität: Am besten erreichst du die Südstadt über die Haltestelle Chlodwigplatz (Linien 15, 16, 17). Parkplätze sind absolute Mangelware und meist den Anwohnern vorbehalten, daher ist das Auto keine gute Option. Zu Fuß lässt sich das Viertel hervorragend erkunden.
  • Kulinarischer Tipp: Probier unbedingt ein Kölsch in einer der weniger bekannten Eckkneipen abseits der Hauptstraße. Oft ist die Atmosphäre dort noch familiärer. Ein "Mettbrötchen" (Brötchen mit rohem Schweinehack, Zwiebeln, Salz und Pfeffer) gilt als die perfekte Unterlage.
  • Beste Reisezeit: Wer das volle Programm will, kommt zu Karneval (Februar/März). Wer es entspannter mag, wählt den späten Frühling oder Frühsommer, wenn das Leben draußen vor den Cafés und im Volksgarten stattfindet.

Die Lebensader Severinstraße

Vom Chlodwigplatz aus zieht sich die Severinstraße wie eine Schlagader durch das Viertel Richtung Norden. Einheimische nennen sie oft nur die Vringsstroß. Wer hier flaniert, braucht Zeit und gute Nerven, denn der Bürgersteig ist schmal und oft überfüllt. Aber genau hier offenbart sich die versprochene Mischung aus Tradition und Laissez-faire am deutlichsten. Ein alteingesessener Metzger, der noch weiß, wie man Flönz, die kölsche Blutwurst, richtig würzt, hat sein Geschäft direkt neben einem modernen Barbershop, in dem Hip-Hop läuft. Das Nebeneinander funktioniert reibungslos.

Fast schon institutionellen Charakter haben die zahlreichen kleinen Geschäfte, die sich gegen die großen Ketten behaupten. Es riecht abwechselnd nach frisch gemahlenem Kaffee, Döner und der Abluft der Bäckereien. Manchmal mischt sich eine leichte Brise vom Rhein darunter, wenn der Wind ungünstig steht, oder eher günstig, je nach Sichtweise. Interessant ist dabei die Beobachtung, dass die Leute hier tatsächlich miteinander reden. Ein kurzer Schnack an der Kasse oder ein Gruß über die Straße hinweg sind keine Seltenheit. Die Anonymität der Großstadt scheint an den Grenzen der Südstadt Halt zu machen. Man kennt sich, oder man tut zumindest so. Dieses Phänomen bezeichnen Soziologen gerne als dörfliche Struktur im urbanen Raum. Der Kölner nennt es einfach Veedel.

Klassische Brauhauskultur ohne Kitsch

In keinem anderen Stadtteil ist die Dichte an traditionellen Brauhäusern so hoch und gleichzeitig so authentisch wie hier. Das "Früh em Veedel" beispielsweise ist eine Institution, an der kein Weg vorbeiführt. Dunkles Holz, vergilbte Wände und eine Theke, die schon so manche Lebenskrise gehört hat. Hier wird nicht reserviert, man setzt sich einfach dazu. Die Köbesse, also die Kellner in ihrer blauen Tracht, sind berüchtigt für ihre direkte Art. Wer hier Höflichkeitsfloskeln erwartet, wird enttäuscht. Ein leeres Glas wird ungefragt durch ein volles ersetzt, bis man den Bierdeckel oben auf das Glas legt. Das ist kein touristischer Gag, sondern gelebte Effizienz. Oft sitzt der Anwalt neben dem Handwerker, und nach dem dritten Kölsch sind die Unterschiede ohnehin marginal.

Kulinarisch bewegt sich das Angebot meist im deftigen Bereich. Himmel un Äd, Halver Hahn oder Rheinischer Sauerbraten dominieren die Speisekarten. Wobei man wissen muss, dass der Halve Hahn nichts mit Geflügel zu tun hat, sondern ein Roggenbrötchen mit mittelaltem Gouda und Senf ist. Manche Zugezogene haben da schon verdutzt auf ihren Teller gestarrt. Aber auch das gehört zur Südstadt: Man nimmt die Dinge nicht so schwer und lacht lieber über das Missverständnis, als sich zu beschweren.

Der Rheinauhafen als Kontrastprogramm

Biegt man von der wuseligen Severinstraße Richtung Osten ab, landet man früher oder später am Rhein. Hier zeigt sich die Südstadt von einer ganz anderen Seite. Der Rheinauhafen mit seinen drei markanten Kranhäusern, die wie riesige Tetris-Steine über das Wasser ragen, steht für das moderne, teure Köln. Glas, Stahl und Beton dominieren das Bild. Es ist windig hier unten am Wasser. Jogger nutzen die Promenade, um den Kalorien der Brauhäuser entgegenzuwirken, und Skater üben auf den glatten Flächen vor dem Schokoladenmuseum ihre Tricks. Die alten Hafengebäude aus Backstein wurden aufwendig saniert und beherbergen heute Agenturen, Kanzleien und teure Wohnungen.

Der Kontrast könnte kaum härter sein. Nur wenige hundert Meter trennen die urige Vringsstroß von dieser Hochglanzwelt. Kritiker bemängeln oft die Gentrifizierung, die durch solche Projekte vorangetrieben wird. Und tatsächlich sind die Mieten in der Südstadt in den letzten Jahren explodiert. Dennoch hat sich der Rheinauhafen als Naherholungsgebiet etabliert. Wer sich auf eine der Bänke setzt und den Schiffen zuschaut, die sich gegen die Strömung den Rhein hinaufkämpfen, vergisst für einen Moment den Lärm der Stadt. Das Wasser hat eine beruhigende Wirkung, grau und mächtig zieht es vorbei.

Grüne Lungen und alternative Szene

Wenn die Südstädter im Sommer nicht am Rhein sitzen, dann findet man sie im Volksgarten. Dieser Park im südlichen Teil des Viertels ist das genaue Gegenteil eines englischen Rasens. Hier wird gegrillt, bis eine dichte Rauchwolke über der Wiese hängt. Slacklines sind zwischen den alten Bäumen gespannt, und aus tragbaren Boxen dröhnt Musik unterschiedlichster Genres, die sich zu einer kakofonischen Klangwolke vermischt. Der Volksgarten ist dreckig, laut und wunderschön lebendig. Der dortige Biergarten, direkt am kleinen Weiher gelegen, ist an lauen Abenden meist bis auf den letzten Platz gefüllt. Tretbootfahren ist möglich, wirkt aber auf dem kleinen Tümpel immer etwas grotesk.

Historisch interessant ist das Gelände auch wegen der Reste der preußischen Fortanlagen. Das Fort IV, integriert in den Park, dient heute teilweise als Künstlerwerkstatt und Theaterraum. Überhaupt hat die Südstadt eine starke alternative und künstlerische Ader. In den 80er Jahren war das Gelände der ehemaligen Schokoladenfabrik Stollwerck besetzt. Dieser Kampf um bezahlbaren Wohnraum und Kulturflächen hat das Viertel nachhaltig geprägt. Noch heute findet man im Bürgerhaus Stollwerck Theater, Konzerte und politische Diskussionen. Dieser Geist des Widerstands, gepaart mit der rheinischen Gelassenheit, sorgt dafür, dass die Südstadt trotz steigender Preise nicht komplett glattgebügelt wirkt.

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