Düsseldorf

Die Rheinuferpromenade: Mediterranes Lebensgefühl an der schönsten Meile am Rhein

Früher dominierten hier Abgase und Motorenlärm den direkten Zugang zum Wasser. Heute schlendern die Menschen über dem versenkten Autoverkehr auf einer der elegantesten Promenaden Europas. Ein Ort, der beweist, dass Beton manchmal doch die Seele wärmen kann.

Düsseldorf  |  Highlights & Stadtviertel
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Zwischenablage

Es gab eine Zeit, in der Düsseldorf seinen Fluss fast vergessen hatte. In den 1970er und 80er Jahren raste der Verkehr auf einer mehrspurigen Bundesstraße direkt am Rheinufer entlang, trennte die Altstadt gnadenlos vom Wasser ab und hüllte die historischen Fassaden in einen grauen Schleier aus Feinstaub. Wer damals ans Ufer wollte, musste Mut und gute Lungen mitbringen. Doch dann kam die Wende, ein städtebauliches Kraftpaket namens Rheinufertunnel. Fast zwei Kilometer Asphalt verschwanden unter der Erde, und obenauf entstand ein Freiraum, der das Gesicht der Stadt für immer veränderte. Seit der Eröffnung im Jahr 1995 hat sich das Lebensgefühl massiv gewandelt. Die Promenade ist kein bloßer Gehweg, sie ist das verlängerte Wohnzimmer der Düsseldorfer. Wenn man dort steht und den Blick über die sanften Kurven des Rheins schweifen lässt, versteht man sofort, warum die Planer für dieses Projekt mit Preisen überhäuft wurden. Es riecht nach Flusswasser, nach gebrannten Mandeln vom nahen Burgplatz und manchmal nach einer Brise Freiheit, die von der Nordsee heraufzuziehen scheint.

Man muss sich das mal vorstellen: Über 600 Millionen Mark hat der Spaß damals gekostet. Eine Investition, die sich in jeder Sekunde auszahlt, wenn die Sonne hinter den Oberkasseler Jugendstilvillen versinkt. Die Architektur der Promenade folgt einer klaren, fast minimalistischen Linie. Niklaus Fritschi hat hier einen Raum geschaffen, der durch seine Weite besticht. Blaue Wellenlinien im Pflaster erinnern dezent an das Element, das nur ein paar Meter weiter unten gegen die Kaimauern klatscht. Es ist dieser Kontrast zwischen der urbanen Hektik der nahen Innenstadt und der fast meditativen Ruhe am Strom, der den Reiz ausmacht. Wer hier spaziert, tut das meistens langsamer als anderswo. Man bummelt eben. Es wird geschaut, geguckt und vor allem gesehen worden. Das ist hier ganz wichtig, denn die Promenade ist natürlich auch eine Bühne für Selbstdarsteller, Jogger in den neuesten Funktionsklamotten und Touristen, die versuchen, das perfekte Selfie mit dem Schlossturm im Hintergrund zu schießen.

Kurz & Kompakt
  • Beste Zeit: Die Abendstunden kurz vor Sonnenuntergang bieten das beste Licht für Fotos und die entspannteste Atmosphäre an der Freitreppe.
  • Kulinarik: Ein Altbier direkt an den Kasematten trinken, aber den Bierdeckel nicht vergessen, wenn der Durst gestillt ist.
  • Geheimtipp: Das Fortuna-Büdchen am nördlichen Ende bietet den ehrlichsten Blick auf den Fluss abseits der Touristenmassen.
  • Anfahrt: Am besten mit der U-Bahn bis "Heinrich-Heine-Allee" fahren und dann die paar Meter durch die Altstadt zum Wasser laufen, Parken ist teuer und nervig.

Vom Burgplatz bis zum Landtag: Ein Spaziergang der Kontraste

Der logische Startpunkt für jede Erkundung ist der Burgplatz. Er bildet das Herzstück der Anlage und ist einer der wenigen Orte, an denen man die Geschichte der Stadt noch physisch greifen kann. Der Schlossturm ist der letzte Überbleibsel des einstigen Stadtschlosses, das mehrfach abbrannte und schließlich dem Erdboden gleichgemacht wurde. Heute beherbergt er das Schifffahrtmuseum, was ziemlich passend ist. Direkt unterhalb des Turms befindet sich die Freitreppe, die wahrscheinlich meistfotografierte Stufenanlage Westdeutschlands. Hier sitzen die Menschen in den Abendstunden dicht gedrängt, trinken ein Kaltgetränk und starren auf das Wasser. Es hat etwas von einer italienischen Piazza, nur dass der Wein hier oft gegen ein dunkles Altbier getauscht wird. Manchmal spielt jemand Gitarre, meistens schlecht, aber das stört niemanden, weil die Atmosphäre einfach zu entspannt ist. Es ist dieses typische Düsseldorfer "Laissez-faire", das hier besonders deutlich wird. Man lässt fünf mal gerade sein und genießt einfach, dass man nicht mehr im Stau stehen muss.

Geht man weiter südlich Richtung Landtag, verändert sich die Szenerie. Die Gastronomiedichte nimmt zu. Unter den Arkaden drängen sich Tische und Stühle, die Kellner balancieren Tabletts durch die Menge, und der Duft von Pizza und Pasta mischt sich mit der herben Note des lokalen Gebräus. Hier zeigt sich das mediterrane Flair am deutlichsten. Die Platanen werfen im Sommer ihre Schatten auf das helle Pflaster, und man könnte für einen Moment vergessen, dass man sich am Rande des Ruhrgebiets befindet. Es ist eine architektonische Meisterleistung, wie die alten Backsteinbauten der Altstadt hier in die moderne Gestaltung übergehen. Besonders markant sind die historischen Pegeluhren, die immer noch zuverlässig anzeigen, wie viel Wasser der Rhein gerade mit sich führt. Ein kleiner Tipp am Rande: Wenn der Pegel steigt, wird es an der unteren Werftpromenade ungemütlich, aber das gehört zum Leben an einem großen Fluss eben dazu. Hochwasser ist hier kein Drama, sondern ein wiederkehrendes Naturschauspiel, das die Anwohner mit rheinischer Gelassenheit quittieren.

Der Medienhafen: Wo der Beton zu tanzen beginnt

Wenn man das Ende der eigentlichen Promenade erreicht, landet man unweigerlich im Medienhafen. Dieser Teil der Stadt ist das komplette Gegenteil zur historischen Altstadt. Wo früher Getreidesilos und Lagerhallen das Bild prägten, stehen heute glänzende Büropaläste. Das Highlight sind ohne Frage die Gehry-Bauten. Frank O. Gehry hat hier drei Gebäude hingestellt, die aussehen, als würden sie sich im Rhythmus des Rheins verbiegen. Eines ist weiß, eines aus rotem Backstein und das mittlere glänzt in spiegelndem Edelstahl. Es ist fast unmöglich, diese Gebäude nicht zu bewundern, selbst wenn man kein Architekturfan ist. Sie brechen alle Regeln der Symmetrie. Der Medienhafen ist heute eine Top-Adresse für Agenturen, Fernsehsender und schicke Restaurants. Es ist ein bisschen "sehen und gesehen werden", klar, aber es hat auch eine unglaubliche Energie. In den alten Hafenbecken spiegeln sich die Lichter der Stadt, und wenn man auf der Fußgängerbrücke am Living Bridge steht, fühlt man sich fast ein bisschen wie in einer Miniaturausgabe von Chicago oder London.

Interessant ist im Hafen vor allem die Mischung aus Alt und Neu. Man hat viele der alten Kräne und Gleisanlagen stehen lassen, was dem Ganzen einen rauen, industriellen Charme verleiht. Es ist kein gelecktes Neubauviertel, sondern ein Ort mit Charakter. Hier trifft man nach Feierabend die Kreativszene der Stadt beim After-Work-Drink. Es wird viel gelacht, viel geredet und man merkt, dass Düsseldorf weit mehr ist als nur die Königsallee. Die Gastronomie hier ist etwas gehobener, aber es gibt auch kleine Ecken, wo man sich einfach mit einer Pommes an die Kaimauer setzen kann. Der Kontrast zwischen den spiegelglatten Fassaden und dem schlammigen Wasser des Hafens hat eine ganz eigene Ästhetik. Man sollte sich Zeit nehmen, die Details zu entdecken: die kleinen Metallfiguren an den Wänden oder die kunstvoll gestalteten Laternen. Es ist ein Viertel, das im ständigen Wandel ist, und genau das macht es so spannend.

Praktisches und Kurioses am Wegesrand

Wer die Promenade in ihrer vollen Länge genießen will, sollte gut zu Fuß sein oder sich ein Leihrad schnappen. Die Strecke vom Medienhafen bis hoch zur Rheinterrasse ist ein paar Kilometer lang, aber jeder Meter lohnt sich. Zwischendurch stößt man immer wieder auf kleine Kuriositäten. Da wäre zum Beispiel das Kit (Kunst im Tunnel). Wie der Name schon sagt, befindet sich dieser Ausstellungsraum komplett unter der Erde, direkt zwischen den Fahrbahnen des Rheinufertunnels. Man betritt ihn durch ein gläsernes Pavillongebäude an der Oberfläche und steigt hinab in eine Betonhöhle voller zeitgenössischer Kunst. Es ist kühl, es ist leise und man spürt fast die Vibrationen der Autos, die nur eine Wand weiter durch den Tunnel brettern. Ein schräger Ort, aber typisch für Düsseldorf, wo man Kunst eben dort macht, wo Platz ist.

Ein weiteres Phänomen sind die Kasematten. Diese gewölbten Räume unterhalb der Promenade dienten früher als Lager oder Verteidigungsanlagen. Heute sind sie die Heimat zahlreicher Gastronomiebetriebe. Hier sitzt man quasi auf Höhe des Wasserspiegels. Wenn ein großes Güterschiff vorbeifährt, kann man fast die Hand ausstrecken und den Rumpf berühren. Die Schiffe sind sowieso ein fester Bestandteil des Panoramas. Gigantische Kähne, beladen mit Containern oder Kies, schieben sich unermüdlich gegen die Strömung flussaufwärts. Es ist faszinierend zu beobachten, wie präzise die Kapitäne ihre Kolosse unter den Brücken hindurchmanövrieren. Apropos Brücken: Die "Kniebrücke" und die "Oberkasseler Brücke" rahmen die Promenade ein und bilden mit ihren eleganten Pylonen einen wunderbaren Rahmen für das gesamte Ensemble. Besonders nachts, wenn alles beleuchtet ist, wirkt die Szenerie fast schon kitschig schön, aber im positiven Sinne. Man darf das ruhig genießen, ohne sich dabei schlecht zu fühlen.

Zwischenstopps für Genießer: Altbier und Aussichten

Kein Besuch in Düsseldorf ohne ein Altbier. An der Promenade gibt es unzählige Möglichkeiten, das dunkle, obergärige Bier zu probieren. Aber Vorsicht: Die Düsseldorfer Köbesse (die Kellner) sind bekannt für ihren rauen Charme. Wer sein Glas leer getrunken hat, bekommt ungefragt ein neues hingestellt, bis man den Bierdeckel oben auf das Glas legt. Das ist kein schlechter Service, sondern Tradition. Man sollte sich darauf einlassen, es gehört zum lokalen Kolorit dazu. Ein besonders schöner Ort für eine Pause ist das Fortuna-Büdchen am nördlichen Ende der Promenade. Es ist eine einfache Trinkhalle, aber eine mit Kultstatus. Hier treffen sich Banker, Punks, Rentner und Studenten. Man holt sich ein Flaschenbier oder einen Kaffee und setzt sich auf die Mauer. Der Blick auf den Rhein ist hier genauso gut wie in den teuren Restaurants, nur eben viel unverkrampfter. Es ist der Inbegriff der rheinischen Demokratie: Vor dem Büdchen sind alle gleich.

Wer es etwas eleganter mag, sollte zum Rheinturm hinaufschauen. Man kann zwar nicht direkt auf der Promenade hochfahren, aber der Turm steht direkt daneben. Von oben hat man den ultimativen Überblick über die Stadt und das Umland. Bei gutem Wetter sieht man sogar die Spitzen des Kölner Doms, was ein echter Düsseldorfer natürlich nur ungern zugibt. Der Turm selbst ist auch eine Uhr. Die leuchtenden Punkte am Schaft zeigen die Zeit an, was allerdings kaum jemand auf Anhieb versteht, ohne eine Anleitung zu lesen. Es ist halt so ein Düsseldorfer Ding: ein bisschen kompliziert, ein bisschen schick, aber am Ende sehr beeindruckend. Wieder unten angekommen, lohnt ein Blick auf die Wiesen vor dem Landtag. Hier wird im Sommer gegrillt, Federball gespielt oder einfach nur in der Sonne gedöst. Es ist das grüne Gegenstück zum grauen Pflaster der Promenade und macht das Ganze erst rund.

Regionale Eigenheiten: Die Tücken des Rheins

Man sollte den Rhein nicht unterschätzen. Er sieht friedlich aus, wie er da so dahinfließt, aber die Strömung ist tückisch. Schwimmen im Rhein ist lebensgefährlich und wird in Düsseldorf gar nicht gern gesehen. Die Schiffe erzeugen einen Sog, den man vom Ufer aus kaum bemerkt, der einen aber unter Wasser ziehen kann. Also lieber die Füße auf dem Trockenen lassen. Eine weitere Besonderheit sind die Rheinkirmes und andere Events. Im Juli verwandeln sich die gegenüberliegenden Rheinwiesen in einen riesigen Jahrmarkt. Dann ist die Promenade so voll, dass man kaum noch treten kann. Das Feuerwerk am Kirmesfreitag ist legendär und wird von tausenden Menschen an beiden Ufern bestaunt. Wer es ruhiger mag, sollte diese Zeit meiden, aber wer das volle rheinische Spektakel will, ist dann genau richtig. Es ist laut, es ist bunt und es riecht nach gebrannten Mandeln und Fischbrötchen.

Etwas kurios ist auch das Verhalten der Einheimischen bei den ersten Sonnenstrahlen. Sobald das Thermometer über die Zehn-Grad-Marke klettert, werden die Sonnenbrillen ausgepackt und die Winterjacken weit aufgeknöpft. Man will das Licht aufsaugen, als gäbe es kein Morgen. Die Promenade füllt sich dann schlagartig. Es ist fast so, als würde die Stadt kollektiv aus dem Winterschlaf erwachen. Man grüßt sich, man nickt sich zu, und die Welt scheint für einen Moment völlig in Ordnung zu sein. Diese positive Grundstimmung ist ansteckend. Man merkt, dass die Düsseldorfer stolz auf ihr Ufer sind. Sie haben lange darauf warten müssen, und jetzt geben sie es nicht mehr her. Es ist eine echte Erfolgsgeschichte der Stadtplanung, die zeigt, dass man Fehler der Vergangenheit korrigieren kann, wenn man nur genug Beton im Boden versenkt.

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