Berlin

Gendarmenmarkt: Ist dies wirklich der schönste Platz Berlins? (Spoiler: Ja!)

Berlin kann laut, dreckig und ziemlich anstrengend sein. Hier ist das anders. Der Gendarmenmarkt poliert das Image der Hauptstadt auf Hochglanz und beweist, dass preußische Ordnung doch noch existiert.

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Zwischenablage

Wer aus der U-Bahn-Station Stadtmitte klettert und die Friedrichstraße hinter sich lässt, stolpert regelrecht in eine andere Welt. Eben war da noch der hektische Konsum, das Gedränge der Touristenmassen und der typische Berliner Asphalt-Charme. Ein paar Schritte weiter öffnet sich der Raum, und plötzlich steht man mitten in einem Gemälde des 18. Jahrhunderts. Hand aufs Herz: Der Gendarmenmarkt wirkt fast schon unnatürlich sauber für diese Stadt. Keine Graffiti an den Sockeln, kaum Kippen in den Fugen des Pflasters. Es ist, als hätte jemand eine Glasglocke über diesen Ort gestülpt, um ihn vor dem ruppigen Rest Berlins zu schützen.

Die Symmetrie erschlägt einen fast. Drei monumentale Bauten dominieren das Feld: links der Deutsche Dom, rechts der Französische Dom und in der Mitte, wie ein strenger Schiedsrichter, das Konzerthaus. Alles wirkt choreografiert. Wer hier steht, spürt sofort diesen preußischen Anspruch, dass Architektur nicht nur gut aussehen, sondern auch Macht und Ordnung demonstrieren muss. Das Licht fällt hier anders, irgendwie goldener, wenn es sich am späten Nachmittag in den Sandsteinfassaden fängt. Selbst der Wind scheint hier weniger zu pfeifen als an der zugigen Leipziger Straße nebenan.

Kurz & Kompakt
  • Anfahrt: Am bequemsten mit der U2 bis zur Station "Hausvogteiplatz" oder "Stadtmitte". Von dort sind es nur wenige Meter zu Fuß.
  • Panoramablick: Der Aufstieg zur Aussichtsplattform im Französischen Dom ist kostenpflichtig, aber der Blick über Mitte ist jeden Cent wert.
  • Kultur-Tipp: Wer keine Tickets für das Konzerthaus ergattern kann, sollte im Sommer nach dem "Classic Open Air" Ausschau halten – Musikgenuss unter freiem Himmel.

Die Sache mit den Namen und den Türmen

Man muss kein Historiker sein, um zu merken, dass "Dom" hier ein irreführender Begriff ist. In Berlin nimmt man es mit Bezeichnungen ja nicht immer so genau. Weder im Deutschen noch im Französischen Dom residiert ein Bischof, und Gottesdienste waren in den prächtigen Kuppelbauten ursprünglich auch nicht vorgesehen. Die Sache verhält sich nämlich so: Friedrich der Große, den man hier an jeder Ecke spürt, fand die beiden bescheidenen Kirchen der französischen Hugenotten und der deutschen Lutheraner schlichtweg zu mickrig für seine Prachtstraße.

Also ließ er, ganz der Ästhet, zwei fast identische Turmbauten vor die eigentlichen Kirchenschiffe setzen. Reine Kulisse. Angeber-Architektur, wenn man so will. Das Wort "Dom" leitet sich hier schlicht vom französischen "dôme" für Kuppel ab. Heute beherbergt der Deutsche Dom eine recht trockene, aber wichtige Ausstellung zur Parlamentsgeschichte, während man im Französischen Dom tatsächlich noch hugenottisches Erbe findet. Wer gute Waden hat, steigt die Treppen im Französischen Dom hinauf. Der Ausblick von der Balustrade lohnt sich, auch wenn der Wind dort oben einem ordentlich die Frisur zerzaust. Man sieht von dort, wie die geometrische Strenge des Platzes mit dem wilden Wuchern der restlichen Stadt bricht.

Schinkel und sein Meisterstück

Zwischen den beiden Türmen thront das Konzerthaus. Früher hieß das mal Schauspielhaus, und es ist so etwas wie das Gesellenstück von Karl Friedrich Schinkel. Nachdem das Vorgängergebäude abgebrannt war (Feuer war in Berlin lange Zeit der effektivste Stadtplaner), musste schnell etwas Neues her. Schinkel, pragmatisch wie er war, nutzte sogar die stehengebliebenen Säulen des alten Baus. Das Ergebnis ist trotzdem – oder gerade deswegen – harmonisch.

Spannend ist dabei, dass der Haupteingang eigentlich gar keiner ist. Die große Freitreppe, auf der im Sommer Touristen ihr Eis essen und Influencer verzweifelt nach dem perfekten Winkel suchen, führte ursprünglich nur zu den Rängen des "zweiten Volkes". Die feine Gesellschaft fuhr mit der Kutsche vor und nutzte den ebenerdigen Eingang darunter. Heute ist das Konzerthaus vor allem für seine Akustik berühmt, aber auch dafür, dass es abends, wenn die Beleuchtung angeht, aussieht wie ein Palast aus Zuckerbrot. Wenn dann noch ein paar Violinenklänge durch ein geöffnetes Fenster nach draußen dringen, wird es fast schon kitschig schön.

Wo die Soldaten wohnten

Warum heißt der Platz eigentlich Gendarmenmarkt? Nein, das hat nichts mit der Polizei im heutigen Sinne zu tun. Der Name erinnert an das Kürassierregiment der "Gens d’armes", einer preußischen Elitetruppe, deren Stallungen hier im 18. Jahrhundert standen. Man muss sich das mal vorstellen: Wo heute im Restaurant "Lutter & Wegner" das Schnitzel für stolze Preise über den Tresen geht und Prominente ihren Riesling schlürfen, wieherten früher Pferde und stank es nach Mist und Leder.

Der Platz war lange Zeit alles andere als schick. Er war ein Funktionsort. Marktstände, Lärm, Soldatenexerzierplatz. Erst nach und nach wandelte sich das Areal zum bürgerlichen Salon der Stadt. Diese Transformation von "Pferdestall" zu "Prachtboulevard" ist typisch für Berlin, nur dass sie hier ausnahmsweise mal dauerhaft funktioniert hat.

Eine Wunde, die verheilte

Man darf bei aller Schönheit nicht vergessen, dass das hier lange Zeit eine Trümmerwüste war. 1945 war der Gendarmenmarkt tot. Ausgebrannt. Die Kuppeln eingestürzt, das Schauspielhaus eine Ruine. Jahrzehntelang passierte wenig. Während im Westen der Kurfürstendamm leuchtete, wuchs auf den Ruinen in Mitte das Unkraut. Erst in den späten 70ern entschied die DDR-Führung, den Platz wiederaufzubauen. Ein Prestigeobjekt, das zeigen sollte, dass man das kulturelle Erbe Preußens besser pflegen konnte als der Klassenfeind.

Der Wiederaufbau war detailversessen. Man könnte sagen, er war fast zu perfekt. Manchmal, wenn man genau hinsieht, wirken die Steine zu glatt, die Kanten zu scharf. Es fehlt die Patina, die Jahrhunderte normalerweise hinterlassen. Aber das ist Nörgeln auf hohem Niveau. Dass dieser Platz heute wieder so steht, ist eine architektonische und städtebauliche Leistung, vor der man den Hut ziehen muss. Er ist ein Symbol dafür, dass Berlin seine Narben nicht immer offen zur Schau trägt, sondern sie manchmal auch kunstvoll überschminkt.

Der Dichter in der Mitte

Vor dem Konzerthaus steht Friedrich Schiller. Der Dichterfürst aus Marmor schaut etwas streng drein, vielleicht weil er jahrelang im Exil war. Während der Nazizeit und der Teilung Berlins wurde das Denkmal nämlich abgebaut und im Westteil der Stadt zwischengelagert. Erst durch einen komplizierten deutsch-deutschen Kulturtausch kam Schiller zurück an seinen angestammten Platz. Umringt ist er von vier Frauenfiguren, die die Dichtkunst, die Tragödie, die Philosophie und die Geschichte symbolisieren. Meistens sitzen ihm Tauben auf dem Kopf. Das holt das Pathos wieder ein bisschen auf den Boden der Tatsachen zurück.

Sehen und gesehen werden

Der Gendarmenmarkt ist kein Ort für billiges Dosenbier. Die Gastronomie rundherum weiß genau, wo sie ist, und die Preise auf den Speisekarten spiegeln das wider. Hierher kommt man, um zu repräsentieren. Im "Borchardt" um die Ecke, in der Französischen Straße, wird Politik gemacht, während man Schnitzel isst. Direkt am Platz sitzen die Leute auch bei kühleren Temperaturen unter Heizstrahlern und beobachten die Vorbeiziehenden. Es ist ein Laufsteg.

Besonders im Winter verwandelt sich der Platz. Der "WeihnachtsZauber" Gendarmenmarkt (der wegen Bauarbeiten zeitweise auf den Bebelplatz auswich, aber eigentlich hierher gehört) ist wohl der einzige Weihnachtsmarkt der Stadt, für den man Eintritt zahlen muss. Das klingt absurd, filtert aber das Publikum. Hier gibt es kein billiges Plastikspielzeug, sondern Kunsthandwerk und weiße Pagodenzelte. Der Glühwein schmeckt besser, oder man redet es sich zumindest ein, weil er zwei Euro mehr kostet als am Alexanderplatz.

Baustelle Berlin

Ehrlichkeit gehört dazu: Auch der schönste Platz Berlins ist vor den orangenen Baken nicht sicher. In den letzten Jahren wird der Platz saniert, Pflastersteine werden neu verlegt, Leitungen ausgetauscht. Wer Pech hat, blickt statt auf Schinkels Säulen auf Bauzäune. Doch selbst als Baustelle behält der Gendarmenmarkt eine Würde, die dem Alexanderplatz oder dem Potsdamer Platz völlig abgeht. Die Bauarbeiter scheinen hier leiser zu fluchen, die Bagger vorsichtiger zu graben.

Ist es also der schönste Platz Berlins? Ja. Definitiv. Nicht, weil er der gemütlichste ist oder der "echteste". Sondern weil er eine Sehnsucht stillt. Die Sehnsucht nach einer Stadt, die fertig ist. Die aufgeräumt ist. Die nicht improvisiert wirkt. Berlin ist meistens ein "Werde-Zustand", ein ewiges Provisorium. Der Gendarmenmarkt aber, der ist einfach da. In seiner ganzen steinernen Ruhe. Wer dem Chaos der Hauptstadt für eine halbe Stunde entfliehen will, ohne die Stadt zu verlassen, der muss genau hierher.

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